32.Sonntag B Mk 12,38-44

32.Sonntag B 2015 –  Sich selbst zu vergessen

Einleitung

Wer den anderen den Vorzug geben will, muss sich selbst geringschätzen.   Die Konzentration nur auf sich selbst führt zum Wachstum des Egoismus, hingegen sich selbst geringzuschätzen,  lässt die Liebe wachsen.  Die Witwe im heutigen Evangelium machte sich ganz klein vor Gott. Gott war für sie wichtiger.

Predigt

Jesus kritisierte die Pharisäer und Schriftgelehrten, weil diese sich immer wieder bemühten, die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. Er machte ihnen Vorwürfe, weil sie in langen Gewändern umhergingen und es liebten, wenn man sie auf den Plätzen und Straßen grüßte, wenn man ihnen in der Synagoge die vordersten Plätze einräumte und bei jeden Festmahl die Ehrenplätze angeboten hat. Damit wollten sie alle Aufmerksamkeit auf sich lenken. Sie sagten von sich selbst: „Ich bin gut, ich bin andächtig, ich bete viel, ich faste und ich gebe den Zehnten meines Lohnes dem Tempel.“ Sie vergaßen aber, auch an andere zu denken. Weniger an sich selbst zu denken, ist besser, auch in der Ehe und in der Familie. Wenn wir Liebe und Glück wollen, müssen wir uns zurücknehmen und dürfen auch die anderen nicht vergessen.

Leute, nicht nur junge Leute,  versuchen mit allen möglichen Mitteln die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das tun sie aber nicht im religiösen Bereich, sondern zum Beispiel durch ihre Kleidung. Sie tragen schwarze Kleider, habe verrückte  Frisuren, allerlei Schmuck, Piercing auf den Augenlidern, in den Nasen, auf den Ohren und auf den Lippen. Und das alles nur, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Schwarze Kleidung ist aber ein Zeichen der Trauer, Ketten symbolisieren Fesseln. Sie sagen zwar, sie seien frei, aber in Wirklichkeit sind sie Gefangene ihrer Selbstsucht. Sie sind auch oft nicht liebenswürdig und menschenfreundlich, sondern aggressiv und frech und das zeigen sie durch ihr äußeres Aussehen. Das kann man allerdings nicht verallgemeinern.

Jesu Stil ist aber umgekehrt. Wer ein Leben in Freude und Liebe haben will, muss sich zurücknehmen, er soll nicht die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Für ein sinnvolles Leben ist die Opferbereitschaft und der Dienst am Nächsten wesentlich.

Darüber berichtet  folgende Begebenheit: Im Bus saß eine alte Frau mit ihrem Mann. Sie plauderten angeregt miteinander. Sie strahlten etwas von Behaglichkeit und Demut aus. Ihnen gegenüber saß eine junge Mutter, bekleidet mit einem Minirock, einem T-Shirt, am Hals eine goldene Kette und viele Ringe an den Fingern. Sie sah aus, als käme sie aus einer Modezeitschrift. Ihr Gesichtsausdruck war allerdings gelangweilt und widerwillig. Neben ihr saß ihre etwa fünfjährige Tochter, wahrlich eine kleine Prinzessin. Plötzlich berührte das Mädchen mit ihren Schuhen die alte Dame und dann begann sie, die alte Frau zu treten. Dem Mädchen schien das unheimlich Spaß zu machen und sie trat immer fester zu und immer und immer wieder. Die Mutter schaute dabei aus dem Fenster und tat so, als ob nichts wäre. Da wandte sich der Mann  an die Mutter des Kindes und sagte: „Sie sehen doch, was ihre Tochter die ganze Zeit macht, können Sie ihr das nicht verbieten!“ Sie aber streichelte ihr Tochter und sagte dann: „Warum soll ich sie ermahnen? Ich bin für eine freie Erziehung und daher für Entscheidungsfreiheit meines Kindes!“ Bei diesem Ausspruch war der ganze Bus schockiert. Das Mädchen trat aber noch mehr auf die Frau ein. Dann kam die Haltestelle, wo die Mutter mit ihrem Kind ausstieg. Gleichzeitig stieg auch ein junger Mann aus, der einen Kaugummi kaute. Als er neben dem Mädchen zu stehen kam, zog er den Kaugummi aus dem Mund heraus und klebte ihn in die Haare des Mädchens. Dann ging er dem Ausstieg zu. Die junge Mutter wurde rot und schrie: „Was machen Sie da, sie Idiot?“ Der junge Mann wandte sich kurz um und sagte ganz ruhig: „Meine Eltern haben mich ebenfalls frei erzogen und ich kann machen, was ich will. Tschüss!“

Was ist aber eine gute Erziehung? Man soll keinen Egoismus anerziehen, sondern lernen,  die anderen wahrzunehmen. Dazu gehört unter anderem auch das Grüßen, das Danke-schön-sagen, den anderen Platz zu machen. Freie Erziehung ist eigentlich keine Erziehung, denn sie erzieht den Menschen nur zur Konzentration auf sich selbst.

Das Evangelium ruft uns zu anderen Wertigkeiten im Leben auf. Wenn wir in unserem Leben glücklich werden wollen, dann ist es ratsam, dem Beispiel der armen Witwe aus dem heutigen Evangelium zu folgen.

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