Einleitung
Es wird ein Gesetzesvorschlag vorbereitet, der die Nutzung von Handys, Walkmans und Ähnlichem beim Überqueren einer Kreuzung verbieten soll. Wenn man sich beim Hinübergehen nicht konzentriert, kann man sich selbst oder andere gefährden. Diese Unkonzentriertheit tritt aber nicht nur beim Überqueren einer Kreuzung auf. Man kann auch junge Menschen beobachten, die ein Buch vor sich haben, um zu lernen, und dabei wird nebenbei Musik in voller Lautstärke gespielt. Auch Erwachsene lesen ein Buch und hören gleichzeitig Musik. Selbst das Abendessen wird oft nicht in Ruhe zu sich genommen, weil gleichzeitig der Fernseher läuft.
Ich aber finde Folgendes als richtig, was ein alter Mönch einmal gesagt hat: „Wenn ich esse, so esse ich, wenn ich lese, so lese ich, wenn ich mit jemandem spreche, so spreche ich. Man sollte also immer auf das fokussiert sein, was man gerade tut. Vielleicht ist das auch ein Problem der Hektik unserer Zeit.
Predigt
Diese Hektik hatte Jesus nicht. Wenn er jemanden heilte, konzentrierte er sich dabei auf das Heilen. Wenn er durch die Felder ging, freute er sich an den Ähren oder an den Weinreben und verwendete sie als Bilder für seine Gleichnisse. Wenn er mit seinen Aposteln sprach, konzentrierte er sich auf dieses Gespräch. Da gab es für ihn keinen anderen Termin, den er gleichzeitig erledigen musste. Er lebte den Augenblick in seiner ganzen Fülle.
Im Evangelium sagt Jesus: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und vom Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“ Wir sollten uns freuen, wenn wir Freizeit haben und die Ruhe genießen können. Aber wir denken schon an die vielen Aktivitäten, mit denen wir unsere freie Zeit füllen können. Unsere freie Zeit wird zu einer Zeit, in der wir sehr aktiv sind. Diese Aktivität wird uns jedoch nicht von außen auferlegt, sondern wir wählen sie selbst. Aus der freien Zeit wird dann nicht wirklich Freizeit.
Die Römer erlebten ihre freie Zeit als heilig, als etwas, das nur ihnen gehörte. In der lateinischen Sprache wird die freie Zeit als „otium“ bezeichnet; die bedeutete Ruhe, Frieden und Behagen. Und ich denke, dass jeder Mensch in seinem Leben solche Zeiten braucht, in denen ihn niemand stören darf. Eine Zeit, die jedem persönlich gehört, ist auch eine heilige, die Wunden heilt. In der freien Zeit finden wir uns selbst und auch zu Gott. Ich kann also das tun, was meiner Seele und meinem Leib guttut. Die Frucht der freien Zeit kann man als Frieden für die Seele bezeichnen. Leider sind manche sehr egoistisch. Sie können nie genug vom Leben haben – und das ruft Unruhe und Müdigkeit hervor. Aber dieser Egoismus ist trügerisch, und man geht Illusionen nach. Wer nur Illusionen hat, lebt in einer Welt, in der man niemals Ruhe finden kann. Nur in der Stille findet man die volle Wahrheit.
Der Mystiker Meister Eckhart, der im 13. Jahrhundert lebte, meinte: „Ein Mensch ist so lange in Ruhe, solange ihn keine Leidenschaften beherrschen. Der Mensch denkt aber, dass er sein Glück und seine Befriedigung in den Leidenschaften finden wird. Jesus aber sagt zu uns und ich wiederhole es nochmals: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt.“ Ja, nur in Gott können wir Ruhe finden. Nur wenn wir uns von unseren Leidenschaften abwenden, können wir Ruhe finden.
Eine Frage: Verstehen wir, wie es gelingt, zur Ruhe zu kommen? Dazu ein Beispiel: In China gibt es ein Gewächs. Wenn es gepflanzt wird, wächst es in den ersten vier Jahren fast nicht, so scheint es. Leicht kommen die Menschen dazu, die Pflanze wieder auszugraben. Die chinesischen Gärtner wissen aber, dass das so ist, und gießen die Pflanze und lockern die Erde rund um die Pflanze. Und dann passiert es – während des fünften Jahres wächst die Pflanze so rasch, dass sie in zwei Monaten eine Höhe von drei Metern erreicht. Die Pflanze braucht also Zeit.
Auch wir brauchen Zeit, um uns entfalten zu können – eine Ruhepause und eine Zeit des Gebets. Das ist nicht bei jedem Menschen gleich: Einer braucht mehr, einer weniger Ruhe. Es ist wichtig, zu wissen, dass wir alle diese Zeit der Ruhe und Stille brauchen, um später wieder eine adäquate Leistung erbringen zu können. Sind wir Jesus dafür dankbar, dass er uns darin ein guter Lehrer ist? Zeit ist ein Geschenk Gottes. Er schenkt sie uns, damit wir neue Kräfte schöpfen und uns auch zu schöpferischen Menschen entfalten können.