3. Adventssonntag B (Gaudete, Joh 1,6–8.19–28)

Einleitung

Ein Professor beklagte sich: „40 Jahre unterrichtete ich am Gymnasium Französisch und als ich nach Paris kam, habe ich festgestellt, dass ich die französische Sprache nicht beherrschte. Der große Dichter Goethe sagte zu ihm: „Und was wird geschehen, wenn Priester in eine ähnliche Situation geraten?“ Die Schulgrammatik ist eine Sache und die fließende Konversation die andere. Die „Religionsgrammatik“ bedeutet, das „Vaterunser“, das „Glaubensbekenntnis“ und das „Gegrüßet seist du Maria“ zu kennen und am Sonntag in die Kirche zu gehen. Man beherrscht die christliche Sprache; auch die christliche Konversation ist man mächtig. Aber im Alltagsleben ist vor allem die Sprache der Liebe gefragt. So kann es sein, dass manche zwar „die Grammatik des Glaubens“ kennen, Gott aber nicht. Darum sagte Johannes der Täufer: „Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt.“ Wir können Gott nicht kennen, solange wir die Sprache der Liebe nicht beherrschen.   Wer in dieser Sprache kommuniziert, ist ein wirklicher Christ.

Predigt

Die Zuhörer von Johannes dem Täufer könnten sagen: „Doch, wir kennen ihn, wir wissen, dass er Jesus heißt.  Er wohnt in Nazareth. Wir wissen auch, welches Gewand er trägt. Warum sagst du, dass wir ihn nicht kennen?“ Und Johannes könnte antworten: „Ihr erkennt ihn so, wie ihr auch die anderen Menschen seht, aber ihr erkennt ihn nicht als den Befreier, Retter und Messias.“ Auch nach 2000 Jahren haben wir dasselbe Problem. Mitten unter uns steht der, den wir nicht kennen. Wir kennen ihn nur mit dem Verstand, aber nicht mit dem Herzen. Wir sollten uns fragen: Ist Jesus ein Vorbild für mein Leben? Bin ich verliebt in Jesus? Begeistert mich seine Botschaft?

Kardinal Suenens dachte sich folgendes Gleichnis aus: „Ein Mensch verirrt sich im Wald. Als er endlich, schon ziemlich durchfroren, zu einer Hütte kommt, schaut er durchs Fenster hinein.   Dort ist ein Herd, auf dem Holzscheiter brennen und vermutlich Wärme ausstrahlen.    Doch ein Mensch, der draußen steht, kann die Wärme nicht spüren, obwohl er davon weiß.   Er muss erst eintreten, damit die Wärme seine Glieder durchdringt.“

Viele Christen schauen die Religion nur von außen an. Sie kennen Gottes Gebote, aber handeln nicht danach. Dazu muss man die Sprache der Liebe erlernen. Erst wenn der Geist der Gottesliebe alle Tätigkeiten unseres Lebens durchdringt, erkennen wir den Wert der Religion für unsere Existenz.

Eine kleine Geschichte erklärt uns diese Wahrheit: Eine Gruppe von Unternehmern begab sich zu einer Konferenz nach Chicago.  Sie versprachen ihren Ehefrauen, am Freitagabend wieder zu Hause zu sein. Die Konferenz dauerte länger, sodass sie Zeitprobleme hatten. Damit sie den Abflug ihres Flugzeuges nicht versäumten, eilten sie zum Flugplatz. Hier mussten sie vorerst alle Kontrollen hinter sich bringen, um das Flugzeug besteigen zu können. In der Eile stieß einer von ihnen beinahe mit einem Entgegenkommenden zusammen. Beim Ausweichen warf er versehentlich ein Tischchen um, auf dem ein Körbchen mit Äpfeln stand. Neben dem Tischchen stand ein ca. 13-jähriges Mädchen. Alle anderen Unternehmer liefen weiter, nur der, der das Tischchen umgeworfen hatte, blieb stehen.  Es tat ihm leid, dass er dem Mädchen Schaden zugefügt hatte, denn die Äpfel rollten am Boden herum. Er winkte nur kurz seinem Kollegen und wandte sich dann dem Mädchen zu. Er stellte fest, dass es blind war. Rasch sammelte er die heruntergefallenen Äpfel ein und gab dem Mädchen 10 Dollar mit den Worten: „Hier gebe ich dir 10 Dollar für den Schaden, den ich verursacht habe. Ich hoffe, dass du nicht böse auf mich bist. Sei nicht traurig!“   Das Mädchen war ein bisschen verwirrt und sagte: „Du bist Jesus!“ Der Unternehmer dachte darüber nach, lächelte und ging seines Weges. Er war erfüllt von der Liebe, die er verschenkt hatte.

Vermutlich sagen manche, dass es auf einem Flugplatz viel wichtiger ist, sein Flugzeug rechtzeitig zu erreichen. Ich finde, es ist viel wichtiger, ein liebevoller Christ zu sein. Dadurch erlernen wir die Sprache der Liebe. Jedes Mal, wenn wir die Heilige Kommunion empfangen, sollen wir erkennen, dass unter uns der ist, den wir lieben, und nicht der, den wir nur kennen. Danken wir Jesus dafür, dass er uns die Kraft gibt, zu erkennen, wie wir anderen Menschen Liebe schenken können, damit wir verstehen, welche Werte richtig und echt sind!

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