Es kommt nicht auf die Herkunft an.
Einführung
In vielen Staaten werden Menschen mit ihrem Titel angesprochen, zum Beispiel mit „Lord”, „Graf”, „Direktor” oder „Doktor”. Diese Titel sollen aussagen, dass ihr Träger von bedeutender Herkunft und Ausbildung ist. Das bedeutet, dass ein Mensch mit Titel bedeutender ist als einer ohne Titel. Auch Jesus hatte Probleme mit seiner Herkunft.
Predigt
Es ist paradox, dass die Landsleute aus Nazareth einerseits die Wunder und die Lehre Jesu bewunderten, ihn aber andererseits wegen seiner Herkunft ablehnten. Die Menschen fragten sich: „Woher hat er das alles?” Sie sahen, dass Jesus Wunder vollbrachte, die sie nicht vollbringen konnten. Aber anstatt die Ursache dafür zu suchen, beriefen sie sich auf seinen Ursprung. Wie ist es möglich, dass dieser einfache Sohn eines Zimmermanns es so weit brachte?
In der heutigen Zeit errichten viele Städte und Dörfer für ihre bedeutenden Bürger Statuen oder bringen Gedenktafeln an ihren Häusern an. Wenn die Verstorbenen auferstehen würden, wären sie vielleicht neidisch auf diese geehrten Menschen und würden Unverständnis zeigen. Andere wiederum würden sich über diese Ehre freuen, die ihnen erst nach ihrem Tod zuteil wurde, und sich als rehabilitiert fühlen. Es ist immer leichter, einen Toten als einen Lebenden zu bewundern.
Kommen wir nun wieder zum heutigen Evangelium zurück. Die Landsleute Jesu nahmen ihn also nicht auf. Warum nicht? Sie hatten Vorurteile gegen ihn. Vorurteile zu haben, kann gefährlich sein. Sie hindern nämlich daran, richtig zu denken und richtige Entscheidungen zu treffen. Wer Vorurteile hat, lässt sich von Argumenten nicht überzeugen. Wir sagen von solchen Menschen, dass sie „voreingenommen” sind.
Auch heute haben viele Menschen Vorurteile, beispielsweise in Bezug auf Religion. Sie sagen, Religion sei etwas, das gegen den Verstand geht. Sie behaupten, dass die Religion uns etwas glauben gebietet, das wir nicht verstehen können. Zweifellos gibt es Wahrheiten, die wir mit unserem menschlichen Verstand nie begreifen werden. Es ist schwierig, Gott und die Eucharistie zu begreifen. Daran kann ich nur glauben. Aber auch in der Natur gibt es Dinge, die wir nicht begreifen können. Ich denke da an die Lebensvorgänge vieler Geschöpfe oder an wissenschaftliche Texte, die Mathematik, Physik oder Chemie betreffen. Es ist jedoch nicht richtig, wenn wir nur dann an Wahrheiten des Glaubens glauben, wenn wir sie begreifen können.
Ein weiteres Vorurteil bezüglich der Religion ist die Einschränkung der menschlichen Freiheit. So behaupten zumindest einige. Um welche Freiheit geht es da? Sie meinen: Der Mensch könne dann nicht machen, was er wolle, er könne nicht sündigen. Aber das ist nicht die wahre Freiheit. Wer sündigt, wird zum Sklaven seiner Sünde. Würde jeder seinen Leidenschaften folgen, entstünde eine Anarchie, eine Unordnung, ein Durcheinander.
Andere behaupten, dass die Religion gegen Wissenschaft und Kunst sei. Da haben diese Menschen jedoch Unrecht. Die Kirche war immer Trägerin des Fortschritts. Viele Wissenschaftler und Künstler kamen aus dem kirchlichen Bereich. Nein, die Kirche ist keinesfalls gegen den Fortschritt. Doch manche möchten die Kirche gerne zu einer humanistischen Organisation degradieren. Was die Vorurteile gegen Kirche und Glaube betrifft, könnte man noch viel mehr Beispiele nennen.
Wir sollten uns jedoch dagegen wehren und die Kirche verteidigen. Ich weiß, dass es nicht immer leicht ist, hier die richtigen Argumente zu finden. Man sollte nicht nur schön reden, sondern auch das Handeln danach ausrichten. Dazu brauchen wir ganz dringend den Heiligen Geist.
Der ehemalige Bischof Sailer aus Regensburg hatte in seiner Jugend große Glaubenszweifel. Er vertraute sich einem Freund an, der viele Jahre als Missionar gearbeitet hatte. Dieser erzählte ihm von seinen Erlebnissen in der Mission. Am nächsten Tag trafen sie sich wieder und der Freund fragte ihn: „Glaubst du das alles, was ich dir gestern erzählt habe?” Sailer antwortete: „Natürlich, sollte ich einem verehrten, wahrhaftigen Menschen wie dir nicht glauben?” Darauf entgegnete dieser: „Wenn du mir glaubst, obwohl ich weder ein Petrus noch ein Paulus bin, der für Christus sein Leben geopfert hat, warum glaubst du dann nicht, was du über den Glauben hörst?” Das war ihm eine Lehre.
Wir sollten also keine Vorurteile gegenüber der Kirche und dem Glauben haben. Wir sollten daran glauben, dass Jesus – wie er selbst sagt – die Wahrheit, der Weg und das Leben ist.