Der reiche Mann und der arme Lazarus
Einführung
Am vorigen Sonntag sagte Jesus am Ende des Evangeliums: „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.” Warum dies nicht möglich ist, erklärt Jesus am Beispiel des reichen Mannes und des armen Lazarus. Der Reiche, für den nur sein Vermögen wichtig war, nahm Lazarus, der Hilfe brauchte, gar nicht wahr. Der Reiche hatte die Möglichkeit, Lazarus zu sättigen, tat es jedoch nicht. Jesus erzählt diese Geschichte und ihre Folgen, damit wir unser Herz nicht an irdische Dinge hängen und dabei das ewige Leben verlieren.
Predigt
Lazarus lebt irgendwie neben uns. Er ist die Kasse, in die wir täglich jene Werte hineinlegen können, für die uns Jesus im Reich Gottes belohnen wird. Welche Werte können wir hineinlegen? Auf welche Weise können wir diejenigen sättigen, die neben uns leben? Es ist möglich, dass neben uns Menschen leben, die zwar keinen Hunger nach Nahrung haben, aber nach geistlicher Nahrung suchen. Das sind Menschen, die Brüder und Schwestern brauchen, um ihre Seelen mit einem guten Wort zu sättigen. Leute brauchen Menschen, die ihnen aufmerksam gegenüberstehen. Manchmal reicht es, wenn jemand sie anspricht. Das ist ein Zeichen dafür, dass man Interesse an ihnen hat. Das gilt auch für uns. Wir müssen Interesse an den Menschen haben, die unsere Hilfe oder unser Mitleid brauchen.
Als der Reiche vor Gottes Antlitz trat, sah er Lazarus im Schoße Abrahams. Diesen Lazarus hatte er während seines irdischen Lebens nie beachtet. Lazarus bekam von den Menschen nie etwas Gutes, eigentlich gar keine Aufmerksamkeit. Er bekam nur Aufmerksamkeit von den Hunden, die kamen und an seinen Geschwüren leckten. Manchmal wundern wir uns darüber, warum so viele Menschen einen Hund haben. Vielleicht weil sie jemanden brauchen, bei dem sie sich ausreden können, jemanden, der sie gern hat. Ich hatte auch einen Hund. Ich erinnere mich daran, wie sich mein Hund immer freute, wenn ich nach Hause kam. Da sprang er vor Freude. Andererseits ist es traurig, wenn ein Hund einem Menschen mehr Freude macht als ein anderer Mensch. Leider sind die Menschen zueinander zu wenig aufmerksam. Sie sind mit sich selbst so beschäftigt, dass sie die anderen manchmal gar nicht sehen. Das ist eine Folge unseres Egoismus. Am gravierendsten ist, dass wir uns dessen oft gar nicht bewusst sind.
Eine Bekannte erzählte mir, was sie erlebt hat, als ihr Vater ins Krankenhaus gebracht wurde. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass mein Vater nicht mehr aus dem Krankenhaus zurückkommt. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends und deutete den nahenden Tod an. Und obwohl ich mich um ihn kümmerte, wusste ich, dass ich mehr hätte machen können. Er sprach so gerne mit mir, aber ich hatte so wenig Zeit für ihn. Ich hatte immer andere Pflichten, mein Vater war nie vorrangig. Als er starb, merkte ich, dass ich ihm nun nichts mehr geben konnte. Dadurch erkannte ich, dass ich den Menschen, mit denen ich lebe, mehr Zeit widmen und ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken muss. Ich wusste, dass ich meinem Vater nie Böses angetan hatte, aber ich wusste auch, dass Gott mich dafür richten würde, was ich Gutes unterlassen hatte.
Auch der Reiche tat Lazarus nichts Schlechtes, und doch wurde er verdammt. Viele glauben, dass sie in den Himmel gelangen, weil sie nichts Böses getan haben. Lazarus war im Reich Gottes, weil er großes Leid erduldet hatte. Der Reiche konnte dorthin nicht gelangen, weil er die Gelegenheit gehabt hätte, Gutes zu tun, es aber unterlassen hatte. Möge uns das heutige Evangelium dazu führen, dass wir zueinander aufmerksamer sind und füreinander mehr Zeit aufwenden.