Der Karsamstag ist der einzige Tag im liturgischen Jahr, an dem … Die Kirche ist still, der Altar bleibt nackt, der Tabernakel steht offen und leer — genau wie am Karfreitag. Es ist der Tag des Wartens, der Stille, des leeren Grabes. Theologisch gesehen ist der Karfreitag der Tag, an dem Christus im Tod liegt — „er ist hinabgestiegen in das Reich des Todes“, wie das Glaubensbekenntnis sagt. Die Kirche wartet mit Maria, die als Einzige den Glauben an die Auferstehung bewahrt hat.
Am Morgen des Karsamstags gibt es in manchen Diözesen das Stundengebet — die Lesehore und die Laudes — das still und ohne Feierlichkeit gebetet wird. Es ist kein gottesdienstliches Ereignis im üblichen Sinne, sondern eher ein meditativer Aufenthalt beim toten Christus. In vielen Pfarreien wird auch die Grabesruhe gepflegt — die Gläubigen kommen still in die Kirche, knien vor dem Heiligen Grab nieder und beten in der Stille.
Das Heilige Grab selbst ist ein zentrales Element des Karsamstags. Es wird am Gründonnerstagabend nach der Übertragung des Allerheiligsten errichtet — ein Ort der Anbetung, an dem das konsekrierte Brot aus der Gründonnerstagsmesse aufbewahrt wird. Die Gläubigen, die bei diesem Grab wachen, erinnern sich an Jesu Bitte in Getsemani: „Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?“ Die Anbetung dauert in manchen Pfarreien bis Mitternacht, in anderen bis zum Beginn der Osternacht.
Der eigentliche Höhepunkt des Karsamstags ist die Osternachtsfeier, die nach Einbruch der Dunkelheit beginnt — also nicht am Morgen, sondern in der Nacht. Sie ist die wichtigste Feier des gesamten Kirchenjahres und gliedert sich in vier Teile.
Der erste Teil ist die Lichtfeier. Vor der dunklen Kirche wird ein Feuer entzündet — das Osterfeuer. Der Priester segnet das Feuer und entzündet daran die Osterkerze, die Christus als Licht der Welt symbolisiert. Die Osterkerze wird in die dunkle Kirche getragen, dreimal angehalten mit dem Ruf „Lumen Christi — Deo gratias“, und nach und nach entzünden alle Anwesenden ihre Kerzen daran. Die Kirche füllt sich mit Licht aus einem einzigen Feuer — ein starkes Bild für die Kirche, die ihr Licht allein von Christus empfängt. Dann wird das Exsultet gesungen — der große Osterlobgesang, einer der ältesten und schönsten Texte der lateinischen Liturgie, der die ganze Heilsgeschichte von der Erschaffung der Welt bis zur Auferstehung Christi in einem einzigen Lobgesang zusammenfasst.
Der zweite Teil ist die Wortliturgie mit bis zu sieben alttestamentlichen Lesungen, die die Heilsgeschichte entfalten — von der Schöpfung über den Durchzug durch das Rote Meer bis zu den Propheten. Jede Lesung wird von einem Psalm und einem Gebet abgeschlossen. Nach den alttestamentlichen Lesungen wird das Gloria angestimmt — zum ersten Mal seit dem Gründonnerstag — und die Kirchenglocken läuten wieder. Es folgen die Epistel und das Evangelium der Auferstehung.
Der dritte Teil ist die Taufliturgie. In der Osternacht werden die Katechumenen getauft — Menschen, die sich über Monate oder Jahre auf die Taufe vorbereitet haben. Das Taufwasser wird geweiht, die Absage an Satan und das Glaubensbekenntnis werden ausgesprochen, und die Taufe wird gespendet. Alle Anwesenden erneuern ihr eigenes Taufversprechen — sie erinnern sich daran, wer sie sind und woher ihre Würde kommt.
Der vierte Teil ist die Eucharistiefeier — die erste Messe nach dem Schweigen des Karfreitags und des Karsamstags. Sie trägt in sich die ganze Freude der Auferstehung und schließt die Osternacht mit dem Halleluja ab, das seit dem Aschermittwoch nicht mehr gesungen wird.