Vollkommen zu sein

Heute habe ich für Sie ein etwas provokantes Thema vorbereitet. Wir alle tragen in uns den Wunsch, vollkommen zu sein, und mit diesem Wunsch lässt sich unsere Sündhaftigkeit nur schwer vereinbaren. Ich habe bereits erwähnt, dass das Schwierigste im geistlichen Leben darin besteht, die eigene Sündhaftigkeit auszuhalten und anzunehmen. Trotz jedes Fortschritts, den ich mache, trotz all meiner Bemühungen, trotz aller Gebete, Selbstverleugnungen und Vorsätze gilt, solange ich lebe und atme: Ich bin fähig zu fallen. Ich bin fähig, jede Sünde zu begehen, selbst die schlimmste. Wie kann man damit leben? Lesen wir dazu eine Begebenheit aus der Apostelgeschichte:

*Als Paulus in Korinth war, sagte der Herr nachts in einer Vision zu ihm: „Fürchte dich nicht! Rede nur, schweige nicht! Denn ich bin mit dir, niemand wird dir etwas antun. Viel Volk nämlich gehört mir in dieser Stadt.“ So blieb Paulus ein Jahr und sechs Monate und lehrte bei ihnen das Wort Gottes.*

*Als aber Gallio Prokonsul von Achaia war, erhoben sich die Juden einmütig gegen Paulus und brachten ihn vor den Richterstuhl. Sie sagten: „Dieser verführt die Menschen zu einer Gottesverehrung, die gegen das Gesetz verstößt.“*

*Als Paulus etwas erwidern wollte, sagte Gallio zu den Juden: „Läge hier ein Vergehen oder ein Verbrechen vor, ihr Juden, so würde ich eure Klage selbstverständlich annehmen. Streitet ihr jedoch über Lehre und Namen und euer eigenes Gesetz, dann müsst ihr selber zusehen. Darüber will ich nicht Richter sein.“ Und er wies sie vom Richterstuhl weg.*

*Da ergriffen alle Sosthenes, den Synagogenvorsteher, und schlugen ihn vor dem Richterstuhl. Gallio aber kümmerte sich überhaupt nicht darum. (Apg 18,9–17)*

Paulus befindet sich hier in einer ungewöhnlichen Situation. Meistens ist er derjenige, der verurteilt und bestraft wird. Er selbst berichtet, wie oft er ausgepeitscht, mit Stöcken geschlagen und gesteinigt wurde, wie oft er im Gefängnis war und Ähnliches erdulden musste. Auch hier sieht es zunächst so aus, als würde Paulus bestraft werden. Doch am Ende wird Sosthenes geschlagen – jener Mann, der gegen Paulus aufgetreten war.

Die Schrift kommentiert diese Situation nur mit einer kurzen Bemerkung. Mich persönlich würde interessieren, wie ein Regisseur diese Szene darstellen würde. Wie würde er sie inszenieren? Wie hat Paulus reagiert, und wie hätte er reagieren sollen? Versuchen wir, uns die Situation selbst vorzustellen: Wir befinden uns auf einem Platz vor dem Richter. Paulus wurde hergebracht, und man will ihn verurteilen. Plötzlich geschieht das, was wir gelesen haben: Die Menge wendet sich gegen den Ankläger. Was tut Paulus dabei? Wo steht er? Sieht er, wie Sosthenes geschlagen wird? Wie reagiert er? Wie sollte er reagieren? Warum tut er nichts? Ist es ihm gleichgültig? Freut er sich vielleicht darüber, dass diesmal nicht er geschlagen wird, sondern jemand anderer? Aber das darf doch nicht sein! Schließlich ist er Christ, und ein Christ soll sich doch nicht so verhalten! Er soll die andere Wange hinhalten, er soll dem, der ihn mit Steinen bewirft, mit Brot antworten. Das hat Christus gelehrt, und genau das hat auch Paulus selbst verkündet! Und jetzt?

Wenn ich persönlich an der Stelle des Paulus gewesen wäre, kann ich mir dieses angenehme Gefühl des Sieges und der Genugtuung gut vorstellen: Endlich hat sich die Wahrheit durchgesetzt, und diesmal leide nicht ich, sondern jemand anderer. Wahrscheinlich hätte ich nicht eingegriffen und ihm eine ordentliche Abreibung gegönnt. Schließlich – geschieht ihm recht!

Doch gleich danach kann ich mir auch die Gewissensbisse vorstellen: Ist das christlich? Wie kannst du dich so verhalten? Du hättest eingreifen müssen! Wie kannst du über Liebe sprechen und Vergebung verkünden, wenn du dich jetzt darüber freust, dass dein Ankläger geschlagen wird, und du nichts dagegen unternimmst?

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie ein Biograph die Tugend irgendeines Märtyrers hervorheben würde, der in einer ähnlichen Situation die Angreifer zurechtgewiesen und sich schützend vor den geschlagenen Ankläger gestellt hätte. Und sofort würde in uns die Frage auftauchen: Wärst du dazu fähig? Die Antwort lautet: Natürlich nicht. Und die Folge? Hoffnungslosigkeit. Ich kann kein Heiliger werden, weil ich zu einem solchen Heldentum nicht fähig bin.

Hier aber steht Paulus vor uns, der zu einem solchen Heldentum ebenfalls nicht fähig war und trotzdem ein Heiliger ist. Hier steht Paulus, der uns zeigt, dass dieser ganze Gedankengang nichts anderes als eine Versuchung sein kann. Eine Versuchung des Bösen, der uns entmutigen will. Denn er stellt uns den Weg zur Heiligkeit so dar, als wäre er für uns unerreichbar.

Was sollen wir in solchen Situationen und Versuchungen tun? Das Erste und Wichtigste ist, unterscheiden zu lernen, was Sünde ist und was keine Sünde ist. Sünde ist das, was ich bewusst und freiwillig tue. Sie betrifft also unseren Verstand und unseren Willen. Es gehören Bewusstsein und Zustimmung dazu. Unsere Gefühle und spontanen inneren Regungen gehören zunächst nicht in diesen Bereich. Sie sind einfach da. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass emotionale Reaktionen unserem bewussten Wahrnehmen zeitlich vorausgehen können. Sie sind also schon da, bevor wir bewusst darüber entscheiden können. Deshalb sind wir nicht einfach dafür verantwortlich, dass ein bestimmtes Gefühl in uns auftaucht.

Am grausamsten können wir zu uns selbst gerade dann sein, wenn wir anfangen, uns für das anzuklagen, was wir empfinden. Auf diese Weise bringt uns der Versucher in einen Teufelskreis. Ich empfinde Unruhe oder Zorn. Aber ich sage mir: Das darf ich nicht empfinden! Also verbiete ich es mir. Doch Gefühle lassen sich nicht einfach befehlen, und das Gefühl ist stärker als mein Verbot. Und schließlich bin ich auch noch auf mich selbst wütend, weil es mir nicht gelingt, meinen Zorn zu unterdrücken.

Wie gesagt: Wir sind nicht dafür verantwortlich, dass bestimmte Gefühle spontan in uns auftauchen. Deshalb ist es wichtig zu lernen, dem Versucher nicht zu erlauben, uns wegen unserer Gefühle Gewissensbisse einzureden. Verantwortlich sind wir vielmehr dafür, was wir mit diesen Gefühlen tun: ob wir sie nähren, ihnen freien Lauf lassen oder sie sogar bewusst verstärken – oder ob wir versuchen, sie anzunehmen und ihnen zugleich den Platz auf dem Rücksitz unseres Autos zuzuweisen, wo sie nicht darüber entscheiden, wohin die Fahrt geht. Sie gehören zu uns, sie fahren mit uns, aber sie steuern uns nicht.

Eine weitere wichtige Erkenntnis lautet: Ich muss nicht alles schaffen. Es gibt kaum etwas Befreienderes als die Erkenntnis: Ich muss nicht. Davor brauchen wir keine Angst zu haben. Wir meinen oft, das Einzige, was uns motiviert, sei Druck – äußerer oder innerer Druck: Du musst! Du darfst nicht! Sobald dieser Druck nachlässt, so fürchten wir, werden wir ebenfalls nachlassen und uns gehen lassen.

Ja, in vielen Bereichen funktioniert es tatsächlich so. Wenn der Chef keinen Druck mehr ausübt, lässt vielleicht auch unsere Leistung nach, weil andere innere Kräfte stärker werden. Aber in einer Beziehung gibt es noch eine andere Motivation: die Liebe. Diese Motivation müssen wir entdecken und uns von ihr leiten lassen. Deshalb ist in einer Beziehung nicht der Druck das Entscheidende. Entscheidend ist die Liebe. Wo Liebe vorhanden ist, müssen wir nicht nachlassen, selbst wenn aller Druck wegfällt.

Kehren wir also zu unserem Text zurück. Wir wissen nicht, wie wir in einer ähnlichen Situation reagieren würden. Aber wir wissen sehr genau, welche Reaktion wir von uns selbst als die „richtige“ erwarten würden. Gott aber begegnet uns nicht mit unserem Katalog perfektionistischer Erwartungen. Vielleicht erwartet er im Grunde nur eines: dass wir uns auf ihn verlassen und darauf vertrauen, dass er uns durch die konkrete Situation hindurchführt.

 

 

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