Tugend der Hoffnung

 

 

Denn wenn wir auf die Realität unseres Lebens blicken – Hast, Stress, Überforderung, reagieren wir meist nur auf Reize. Es scheint, als hätten wir unser Leben überhaupt nicht in der Hand, geschweige denn, dass wir es noch in die richtige Richtung lenken könnten. In der Kleingruppe treffen wir uns zwar und ermutigen einander, aber dann kommt wieder der Alltag …Darum lasst uns jetzt für einen Moment langsamer werden und uns bewusst machen, in welchen Situationen wir die Tugend der Hoffnung besonders brauchen. Ich erinnere noch daran, dass man sich eine Tugend nicht durch Drill aneignet, also nicht dadurch, dass man sich mit aller Kraft bemüht, trainiert und eine bestimmte Tätigkeit bis zur Ermüdung wiederholt, bis man sie kann. Es handelt sich auch nicht um Autosuggestion – dass ich mir einrede, was ich will; es geht nicht um positives Denken. Ebenso ist es nicht einfach nur ein göttliches Eingießen. Es gibt eine Zusammenarbeit zwischen Gott und dem Menschen, die sich nicht leicht ausdrücken lässt. Gott gibt, und dabei respektiert er die Freiheit des Menschen. Er gibt in dem Maß, in dem der Mensch fähig ist zu empfangen. Der Mensch wird durch sein Verlangen fähig. Gott gibt uns die Dinge in dem Maß, in dem wir auf ihn hoffen. Daher: Je mehr wir Gott erkennen, desto mehr lieben wir ihn – wir sind überzeugt, dass er uns Gutes will, und wenden uns darum voller Sehnsucht an ihn.

In welchen Situationen brauchen wir also am meisten die Tugend der Hoffnung? Also die innere Überzeugung, dass Gott fähig ist, uns zu helfen?

Im Streben nach Vollkommenheit. Ein guter Rat lautet: Lasst euch von niemandem und nichts entmutigen, auch nicht von euch selbst. Letzteres ist wohl das Schwierigste. Deshalb brauchen wir die Tugend der Hoffnung besonders. Ich bin kein hoffnungsloser Fall, und Gott kann sich auch unvollkommener Werkzeuge bedienen. Am Anfang erscheint uns natürlich alles einfach und erreichbar. Die erste Begeisterung ist wie ein guter Wind in den Segeln. Dann aber kommen Flaute, Sturm, Orkan … Und doch sind wir alle zur Vollkommenheit berufen.

Im Gebet. Das Gebet wird nämlich nicht durch viele Worte wirksam, sondern durch Vertrauen. Von Gott empfangen wir in dem Maß, in dem wir ihm vertrauen. Wir neigen dazu, unsere Bitten ständig zu wiederholen, bis wir sehen, dass sich etwas bewegt. Ich erinnere mich, dass mein Vater eine interessante Art hatte, Dinge zu erledigen. Wenn meine Mutter ihm etwas sagte, hatte er tausend Argumente, warum es nicht geht. Das ärgerte meine Mutter, und entweder wiederholte sie ihre Bitte oder regte sich darüber auf, wie unmöglich mein Vater sei – sie nannte ihn dann „problémabácsi“ – Onkel Problem. Aber die Sache war am nächsten Tag immer erledigt. Er murrte zwar und zählte auf, warum es nicht geht, aber er tat es doch. Ich versuchte meiner Mutter zu erklären, sie solle nicht drücken, sie solle es einmal sagen und sich verlassen – aber sie war nur ärgerlich: Wenn er es ohnehin tut, wozu dann diese Kommentare, dass es nicht geht? Ich hatte eine andere Lösung. Wenn mich meine Mutter um etwas bat, war ich entschlossen, es zu tun, aber so, wie ich es wollte, und zu der Zeit, die ich wollte. Hätte sie sich verlassen, wäre es getan worden. Dadurch aber, dass sie es noch einmal wiederholte, habe ich mich schon verhärtet. Meine Eitelkeit ließ mich nicht handeln. Denn ich konnte ja nicht zulassen, dass sie „gewonnen“ hatte. Natürlich handelt Gott nicht so unvollkommen, doch auch er erwartet von uns Vertrauen. Du hast ihm deine Bitte gesagt – dann vertraue, dass er es tut. Die übrige Zeit des Gebets widme dich dem, dich tiefer mit Gott zu vereinen und dein Leben zu verändern. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht mehrmals bitten dürfen. Es ist schön, wenn sich die Tochter an ihren Vater schmiegt und ihn um etwas bittet. Der Vater ist bereit, ihrer Bitte sofort zu entsprechen, und doch spannt er seine Tochter ein wenig auf die Folter, weil er weiß, dass er sie sich dadurch gewinnt.

In Situationen, in denen wir in Kleinmut verfallen. Die Hoffnung wird mit einem Anker verglichen. Ein kleines Boot, von Wellen geschüttelt, hat seine einzige Hoffnung im Anker, damit es der Wind und die Wellen nicht an den Felsen zerschmettern. Auch in unserem Leben gibt es Situationen, in denen unsere Kraft in der Hoffnung liegt. Ich kann die Dinge nicht beeinflussen; ich kann nur loslassen und mich darauf verlassen, dass Gott weiß, was er tut. Gott läutert unsere Hoffnung, indem er Enttäuschung, Misserfolg, einen Zustand emotionaler Hoffnungslosigkeit zulässt. Das ist wiederum nötig, damit wir uns vom Händlergeist befreien. Bin ich mit Gott nur deshalb, weil es angenehm ist, weil er Segen gibt, weil ich Sicherheit habe? Mit dieser Haltung klagt der Satan Gott an, als sie über Ijob sprechen – „Fürchtet Ijob Gott etwa ohne Grund?“ (Ijob 1,9). Der Teufel bezichtigt uns vor Gott, wir seien nicht fähig, irgendetwas einfach aus Liebe zu tun. Wir handelten immer nur aus egoistischem Interesse. Gott aber will in uns durch Leiden echte, uneigennützige Liebe heranbilden. Ich liebe um der Liebe willen, weil ich lieben will.

In Versuchungen, wenn wir Angst haben, zu unterliegen. Fachleute sagen: Nur der hat keine Chance, ein Laster oder eine Abhängigkeit loszuwerden, der keine Hoffnung hat. Wer nicht daran glaubt, dass er der Sünde ausweichen kann, der schafft es auch nicht. Wenn man sagt: Ich würde gern, aber … Gewissheit ist die beste Hilfe für den Seiltänzer. Wenn ich mit der Angst herangehe, dass ich es nicht schaffe, dann ist es gerade diese Angst, die mich hindert, es zu schaffen. Im sittlichen Leben will der Herr uns Gewissheit geben, dass es geht, auch wenn wir uns unserer Schwachheiten weiterhin bewusst sein sollen. Deshalb rät uns Mons. Gray: „Hören Sie auf, Gott die lange und monotone Liste Ihrer Unwürdigkeit, Unfähigkeit, Armseligkeit vorzurechnen, nur um vor sich selbst Ihre Unruhe und Unsicherheit zu rechtfertigen, die wir in uns tragen.“ Dem ist nur zuzustimmen.

Manchmal stärkt Gott unser Vertrauen auf besondere Weise. Er gibt uns schon hier auf Erden Zeichen seiner Gunst. Es gibt Situationen, in denen alle Zweifel verschwinden und wir bereit sind, sogar das Leben für Christus zu geben. Für solche Situationen sollen wir unendlich dankbar sein. Sie dienen dazu, dass wir in Zeiten der Prüfung aus ihnen schöpfen. Und darum nehmen wir den Rat der Kirchenväter an: Vergiss in schlechten Zeiten das Gute nicht, damit du nicht kleinmütig wirst, und in guten Zeiten das Schlechte nicht, damit du nicht in übertriebene Selbstsicherheit verfällst.

Fragen

Wonach sehne ich mich? Sehne ich mich danach, Gnaden von Gott zu empfangen?

In welchen Situationen brauche ich die Tugend der Hoffnung? Wo halte ich am meisten an mir selbst fest und vertraue nicht, dass Gott alles in der Hand hat?

Wie sieht mein Gebet aus? Kann ich mich darin auf Gott verlassen, dass es erhört wird, oder neige ich dazu, meine Bitte ständig zu wiederholen?

Kann ich mit Vertrauen bitten wie ein Kind, das seine Eltern liebt und weiß, dass auch sie es lieben?

Welche Zusicherung, welche Stärkung habe ich in letzter Zeit vom Herrn empfangen?

Für welche Situationen bin ich ihm dankbar, und aus welchen kann ich in schweren Zeiten schöpfen?

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