Vermehrung des Wortes

 In Kapitel 12 der Apostelgeschichte lesen wir von der ersten Verfolgung der Christen. Herodes ließ den ersten Apostel, den Bruder des Johannes, Jakobus, töten. Petrus ließ er ins Gefängnis werfen. In der Nacht weckte ihn ein Engel des Herrn und befreite ihn. All diese Ereignisse spielten sich ab, nachdem die Apostelgeschichte das Wirken der Apostel, vor allem des Petrus unter den Juden, geschildert hatte. Kapitel 13 beginnt bereits mit der Darstellung des Wirkens des heiligen Paulus. Die Zäsur zwischen diesen Teilen bildet der sehr interessante Vers 24. Es ist eine einfache, vielleicht ganz unauffällige Feststellung: „Aber das Wort Gottes breitete sich aus und nahm zu.“ Mancherorts wird es so übersetzt: „Das Wort Gottes wuchs und vermehrte sich.“ Der griechische Text verwendet die Wörter „auxanō“ und „plēthunō“. Ich lade Sie ein, bei diesem Satz innezuhalten. Das Substantiv ist hier das Wort Gottes, und die Verben sind Ausbreitung und Wachstum. Haben Sie schon einmal gesehen, wie das Wort Gottes wächst? Meist wachsen Menschen, jemand nimmt zu, vermehrt sich. Aber hier heißt es, dass das Wort Gottes wächst und sich vermehrt.

Es lohnt sich, dafür etwas Zeit zu nehmen. Das Wort Gottes wirkt, es hat Macht, es verwandelt und bewirkt Wachstum. Oft haben wir Bedenken, was wir jemandem sagen sollen, der uns in Frage stellt, der nach unserer Meinung oder nach der Lehre der Kirche fragt. Werde ich ihm antworten können? Werde ich es erklären können? Wird er es verstehen? Ich verstehe es ja selbst nicht ganz genau! Was also sagen, welche Worte finden? Wir vergessen jedoch, dass nicht unser Wort die Macht hat, sich zu verbreiten und zuzunehmen, nicht unser Wort verwandelt, sondern Gottes Wort. Warum scheuen wir uns, mit dem Wort Gottes zu argumentieren? Die Apostel hatten nichts anderes als das Wort Gottes und den Glauben, dass, wenn sie dieses Wort verkünden, es den Menschen verwandeln wird. Wir sind also eingeladen, über die Kraft des Wortes nachzudenken. Es hat die Macht zu verwandeln.

Natürlich ist die Verkündigung an andere erst der zweite Schritt. Machen wir uns bewusst, wie das Wort mich selbst verwandeln könnte. Wie berührt es mich? Wenn es mich nicht berührt, warum nicht? Was hindert mich? Ich ertappe mich oft dabei, dass ich beim schnellen Lesen die Texte der Heiligen Schrift überspringe – das kenne ich doch schon, jetzt habe ich keine Zeit, jetzt brauche ich schnell eine Information. Doch das Wort Gottes ist keine Information, die ich kennen soll, sondern eine Formung, die in mir wachsen und sich vermehren kann. Wie alles Lebendige braucht es, um wachsen zu können, geeignete Bedingungen. Deshalb bemühen wir uns, auch durch das Leben in den Zellen, diese Bedingungen zu schaffen.

Aber das ist noch nicht alles. Das wirklich Interessante entdecken wir beim Blick in den griechischen Text. Jede Übersetzung ist auch Auslegung, und durch die Übersetzung geht vieles verloren. Darum lässt sich Exegese nur aus den Ursprungssprachen betreiben. Wissen Sie, wo diese beiden Wörter „auxanō“ und „plēthunō“ in der Schrift noch nebeneinander vorkommen? Die erste Übersetzung der Heiligen Schrift aus dem Hebräischen ins Griechische wurde noch vor der Geburt Christi angefertigt. Sie wurde von siebzig Rabbinern erstellt; daher heißt sie Septuaginta – die Übersetzung der Siebzig, abgekürzt LXX. Und die Septuaginta verwendet diese Wörter nebeneinander im Buch Genesis. Bei der Erschaffung des Menschen lesen wir in Gen 1,28: „Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch…“ Das Wort Gottes bewirkt und erreicht genau dasselbe wie Mann und Frau in ihrer Vereinigung. Es schenkt Leben, macht fruchtbar, vermehrt sich…

Am liebsten würde ich nun nichts weiter hinzufügen, sondern Sie einfach staunen lassen über diese Schönheit. Dennoch füge ich einige Wege hinzu, auf denen sich dieser Gedanke entfalten lässt. Bitte nehmen Sie sich Zeit dafür und kehren Sie in persönlichem Gebet zu diesem Thema zurück, um über diese Zusammenhänge nachzusinnen.

Die Sorge um das Wort Gottes wie die Sorge um ein Kind. Das Wort Gottes zeugt und vermehrt sich, so wie ein Kind gezeugt wird. Zunächst ist es unmerklich, es stört nur, die Frau verspürt Übelkeit, und der Mann weiß von nichts. Genauso beunruhigt das Wort manche, und andere bemerken es gar nicht. Später beginnt es zu wachsen. Es beeinflusst das Leben immer stärker. Doch es wächst nur, wenn es geeignete Bedingungen hat. Es ist etwas sehr Zartes, das Aufmerksamkeit und Schutz braucht. Die Frau muss auf vieles verzichten, auf vieles achten, damit das Kind wachsen kann. Auch das Wort Gottes kann in uns nicht wachsen, wenn wir es nicht annehmen und ihm keine Bedingungen schaffen. Ein sündhafter Lebensstil tötet das Wort. Der Mensch – bildlich gesprochen – empfängt und treibt dann ab… und es bleibt nur ein Trauma fürs ganze Leben. Welche Bedingungen sind nötig, damit in mir das Wort Gottes wachsen kann?

Die Kraft des Lebens. Wer den Prozess der Empfängnis und überhaupt irgendeinen Prozess der Fortpflanzung und des Wachstums betrachtet, muss darüber staunen, wie alles darauf ausgerichtet ist, zu leben und zu wachsen. Ein Film endet mit dem Satz: „Das Leben findet einen Weg.“ Ein gewaltiger Baum kann sich auf einem unwirtlichen Felsen festsetzen. Pinguine in der Antarktis sitzen monatelang auf ihren Eiern, während ihr Partner ins Meer geht, um zu fressen; dann tauschen sie das Ei, und das Weibchen geht fressen. Eine Buchenart in Frankreich, die eine riesige, dicht belaubte Krone hat, unter der nichts wachsen kann, vermag sich nur dadurch zu vermehren, dass Eichhörnchen die Eicheln weitertragen und als Wintervorrat vergraben. Einige davon werden vergessen und wachsen dann zu neuen Bäumen heran. Beispiele gibt es unzählige. Genau dieselbe Kraft und Erfindungsgabe hat auch das Wort Gottes…

Wie groß ist die Würde, Eltern zu sein. Die Weitergabe jedes einzelnen Lebens ist wie die Weitergabe des Wortes Gottes. Wenn Eltern ihre Berufung leben, nehmen sie Anteil am schöpferischen Werk Gottes. Sie werden seine engsten Mitarbeiter…

So wie wir uns um ein Kind kümmern, sind wir eingeladen, uns auch um das Wort Gottes zu kümmern. Für ein Kind tun wir alles, nur damit es wachsen und sich entfalten kann…

Auch wer kein Kind hat, kann fruchtbar sein – gerade in der Weitergabe des Wortes…

Wie uns die Treue zu unserer Berufung heiligt. Ich begann damit, Ihnen einen biblischen Hinweis zu geben, wie uns unser alltäglicher, scheinbar stereotyper Dienst heiligen kann. Indem wir uns bewusst machen, dass auch dieser Dienst ein Dienst am Wort ist.

Dieses Thema lässt sich weder ausschöpfen noch völlig begreifen. Man kann darüber nur staunen und daraus schöpfen. Das Wort Gottes zeugt und vermehrt sich.

Dieser Beitrag wurde unter Andere veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.