Nicht auf alles eine Antwort zu haben.
Die Apostel hatten mit Jesus schon allerhand erlebt. Sie hatten seine Wunder gesehen. Nun waren sie mit ihm an einem einsamen Ort, zusammen mit etwa 5.000 Männern, ohne Frauen und Kinder zu zählen. Die Apostel wollen die Situation lösen und machen ihren Meister darauf aufmerksam, der sich offenbar ein wenig – und zwar ziemlich lange – vergessen hat, er solle das Volk entlassen, damit es sich etwas zu essen kaufe. Darauf stellt Jesus sie vor eine anspruchsvolle Aufgabe – gebt ihr ihnen zu essen! Das ist euer Problem, löst es! In dieser Herausforderung haben sie die Möglichkeit, die Schwierigkeit der Aufgabe persönlich zu erfahren. Es ist nicht nur Theorie, eine Geschichte, von der sie hören und über die sie irgendwo zu Hause in bequemer Umgebung diskutieren. Es ist eine Aufgabe, die sie betrifft und die sie übersteigt.
Jesus will sie so zum Mittelpunkt des Geschehens machen, damit sie sich persönlicher bewusst werden, welche Macht er hat. Die Erfahrung der Brotvermehrung vertieft ihr Vertrauen in Jesus noch mehr. Wohl deshalb haben sie kein Problem zu gehorchen und ins Boot zu steigen. Als Fischer mussten sie wissen, welche Gefahr in einer nächtlichen Fahrt liegt, wenn nach Sonnenuntergang die abgekühlte Luft vom Land über das Wasser drängt. Vielleicht wurde ihnen in dem Moment das Risiko gar nicht bewusst, sie steigen einfach ein und überlassen sich ganz den Anweisungen des Meisters.
Doch der Wind kam. Schwierigkeiten traten auf, und sie kämpfen nun um ihr Leben. Was ging ihnen durch den Kopf? Wie viele von ihnen sagten sich wohl – „aber ich wusste doch, dass das unvernünftig, unmöglich, riskant ist. Doch als Jesus es sagte, gehorchte ich. Schließlich sind auch die anderen gegangen. Dieser Meister muss immer in allem recht haben! Er lässt sich nichts sagen! Ja, er hat recht, er ist ein großartiger Prediger und es ist schön, was er sagt, aber vom praktischen Leben versteht er nichts! Ich hätte einfach bei dem bleiben sollen, was ich kenne und kann!“ Das ist die typische Versuchung, die jedes Mal auftaucht, wenn wir uns entscheiden, dem Herrn nachzugehen, wenn wir die Sicherheit der eigenen Erfahrung verlassen und ein Risiko eingehen. Der Herr hat nämlich eine interessante Eigenschaft – er gibt sich nie zufrieden. Er will immer mehr. Er will uns immer näher zu sich ziehen. Wenn er uns schließlich gewonnen hat, gibt er sich nicht zufrieden, sondern will unsere Erfahrung mit ihm auf eine noch höhere Ebene führen. Deshalb lässt er zu, dass sich die Dinge verkomplizieren.
Die Apostel erleben starken Wind. Sie konnten auf ihren Meister wütend sein, der sie in diese Situation gebracht hat. Und plötzlich geht Jesus vorüber. Er geht auf dem Wasser. In solchen Situationen irritiert uns die Gegenwart Gottes eher. Wenn du da bist, dann löse unser Problem, warum gehst du da auf dem Wasser umher! Tu etwas zu meiner Rettung oder geh weg! Sei nicht wie ein Gespenst hier! Einmal habe ich schon auf dich gehört, und was habe ich davon?!
Tatsächlich können uns in solchen Situationen gut gemeinte Ratschläge einen Bärendienst erweisen: „So darfst du nicht denken, Gott ist doch gut, er wollte dir nichts Böses. Wenn du in so eine Lage gekommen bist, dann nur, weil du ihn falsch verstanden hast.“ Ein solcher Rat hilft nicht. Ich lenke nur den ganzen Zorn auf Gott gegen mich selbst um – ich bin unfähig, hätte ich mehr gebetet, mehr vertraut, besser unterschieden… Wenn wir den Zorn nicht gegen uns selbst richten, zeigen wir uns als Meister billiger Antworten auf Lebenssituationen: „Sicher will der Herr damit dies und jenes sagen…“
Doch wir ahnen nie, was der Herr damit beabsichtigt. Oft erfahren wir es erst im Rückblick. Es ist völlig klar, was der Herr erreichen will. Er will in das Boot unseres Lebens einsteigen und es beruhigen. Er will uns noch näher kommen, er will unsere Schuhe anziehen und in ihnen gehen. Das ist das Geheimnis der Fleischwerdung und der Geburt. Die Apostel erlebten die Brotvermehrung und erkannten, dass sie sich mit Jesus vor nichts zu fürchten brauchen. Aber sie hatten es noch nicht geschafft. Jesus beschloss, ihnen mehr zu geben. Er lädt sie zu einer neuen Erfahrung ein. Und so führt uns Gott bis zur völligen Vereinigung mit ihm, mit seinem Willen. Das Ziel ist also klar. Doch wir haben keine sofortige Antwort darauf, was er mit dieser konkreten Situation bezweckt. Ein Meister, der das Material bearbeitet, verrät nicht immer, was er gerade tut…
Versuchen wir nun, über diesen Text nachzudenken, ohne ihn sofort auf unser eigenes Leben zu beziehen (darauf, was er mir durch meine unruhigen Kinder, ein weiteres Kind, den Verlust der Arbeitsstelle, Krankheit, Konflikt in der Ehe, Spannungen bei der Arbeit sagen will…). Versuchen wir, das Prinzip von Jesu Vorgehen wahrzunehmen, ohne darin gleich eine konkrete Antwort auf unsere Lebenssituation zu sehen. Billige und schnelle Antworten hindern Gott nämlich daran, mit uns in die Tiefe zu gehen.
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