Gedächtnis der Schmerzen Mariens Joh 19,25-27

Jesus Christus, der am Kreuz seinem Jünger die Mutter anvertraute,sei mit euch.

Die Kirche feiert heute das Gedächtnis der Schmerzen Mariens – jenes Festes, das uns einlädt, nicht an einer glorreichen Maria vorbeizugehen, sondern bei einer leidenden Maria innezuhalten. Bei einer Mutter, die unter dem Kreuz steht und zuschaut, wie ihr Sohn stirbt.

Du bist  für uns am Kreuz gestorben. Herr,erbarme  dich unser.

Dein toter Leib lag  auf dem  Schoß der Mutter. Christus,erbarme dich unser.

Du hast uns die läuternde Kraft des Leidens offenbart. Herr,erbarme  dich unser.

Der Prophet Simeon hatte es vorhergesagt, damals, vierzig Tage nach der Geburt Jesu, im Tempel von Jerusalem. Er nahm das Kind in die Arme, pries Gott – und wandte sich dann an Maria mit einem Satz, der wie ein Schatten über ihr ganzes Leben fallen sollte: „Deine Seele wird ein Schwert durchdringen“ (Lk 2,35). Maria hat diesen Satz aufgenommen. Sie hat ihn im Herzen bewahrt, wie sie so vieles im Herzen bewahrte. Und ihr Leben war die langsame, schmerzliche Erfüllung dieser Prophezeiung.

Die Tradition der Kirche zählt sieben Schmerzen Mariens: die Weissagung Simeons, die Flucht nach Ägypten, der Verlust des zwölfjährigen Jesus im Tempel, die Begegnung mit Jesus auf dem Kreuzweg, das Stehen unter dem Kreuz, die Abnahme des Leichnams vom Kreuz, die Grablegung. Sieben Schwerter, die sich in das Herz einer Mutter gruben – eines nach dem anderen, über Jahrzehnte hinweg.

Aber heute möchte ich bei jenem Moment verweilen, der alles zusammenfasst: Maria unter dem Kreuz. Johannes schreibt in seinem Evangelium mit großer Nüchternheit: „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala“ (Joh 19,25). Kein langer Kommentar. Nur dieser eine Satz. Sie stand dort.

Das ist das Entscheidende. Sie stand. Nicht sie lag am Boden vor Schmerz, nicht sie war geflohen wie die meisten Jünger. Sie stand. Das ist keine Haltung der Gleichgültigkeit. Es ist die Haltung äußerster Treue – einer Treue, die nicht wegschaut, auch wenn das, was sie sieht, unerträglich ist. Eine Mutter, die ihren Sohn sterben sieht, bleibt.

Was geht in einem Menschen vor, der so etwas erlebt? Wir können es uns nur annähernd vorstellen. Der Schmerz Marias unter dem Kreuz ist nicht nur der Schmerz einer Mutter um ihr Kind – so tief dieser Schmerz auch ist. Es ist der Schmerz eines Menschen, der das Leiden des Unschuldigen mitansieht, das Böse in seiner rohesten Form erlebt und die menschliche Logik an ihre Grenzen stoßen sieht. Warum? Warum dieser Sohn? Warum dieser Tod? Warum so?

Die Antwort kommt nicht als Erklärung. Sie kommt in der Gegenwart. Jesus schaut von oben herab auf seine Mutter – und gibt sie Johannes als Mutter. Und Johannes ihr als Sohn. In diesem Moment, im größten Schmerz, erweitert sich das Herz Marias über das Biologische hinaus. Sie wird Mutter aller, die unter dem Kreuz stehen. Mutter der Kirche. Mutter jedes Menschen, der leidet und nicht versteht, warum.

Die Kirchenväter haben den Schmerz Marias als Miterlösung gedeutet – nicht im Sinne, dass Maria neben Christus eine eigene Erlösung bewirkt, sondern im Sinne, dass sie das Leiden ihres Sohnes nicht von außen betrachtet, sondern von innen mitträgt. Ihr Ja beim Engel in Nazareth – „Mir geschehe nach deinem Wort“ – war kein Ja für einen guten Tag. Es war ein Ja zu alles, was kommen würde. Auch für Golgota. Und sie hat dieses Ja nicht zurückgenommen.

Bernhard von Clairvaux schrieb im 12. Jahrhundert Worte, die durch die Jahrhunderte nachhallen: „O du selige Mutter, ein Schwert hat deine Seele durchdrungen. Es konnte nicht anders – es musste durch deine Seele dringen, um bis ins Fleisch des Sohnes vorzudringen.“ Das ist eine starke Aussage. Sie sagt: Maria war keine Zuschauerin des Leidens Christi. Sie war Teilhaberin. Was ihn traf, traf durch sie hindurch.

Liebe Schwestern und Brüder, warum feiern wir dieses Fest? Nicht um in Schmerzen zu schwelgen. Nicht um eine sentimentale Frömmigkeit zu pflegen. Sondern weil Maria unter dem Kreuz uns etwas zeigt, das wir für unser eigenes Leben brauchen: die Möglichkeit, im Leiden
[11.09.2026 17:05] ALMI SAIL: Jazyková mentorka: zu stehen, ohne wegzulaufen. Die Möglichkeit, das Unverständliche anzunehmen, ohne zu zerbrechen. Die Möglichkeit, im dunkelsten Moment treu zu bleiben.

Jeder von uns kennt seine eigenen Schwerter. Die Krankheit, die nicht weicht. Der Verlust, der eine Lücke hinterlässt, die sich nicht schließt. Die Enttäuschung, die tiefer sitzt als erwartet. Der Schmerz um einen Menschen, dem man nicht helfen kann. In diesen Momenten lädt uns Maria nicht ein, so zu tun, als wäre alles gut. Sie lädt uns ein, zu stehen. Wie sie gestanden hat. Im Schmerz, in der Dunkelheit, in der Stille Gottes – und trotzdem nicht wegzugehen.

Und sie steht nicht nur als Vorbild neben uns. Sie steht als Mutter bei uns. Der Schmerz, den sie erfahren hat, hat ihr Herz so weit gemacht, dass es jeden menschlichen Schmerz aufnehmen kann. Wenn wir mit unserer Not zu ihr kommen, finden wir keine Frau, die nicht weiß, was Leiden ist. Wir finden eine Mutter, die das Schwerste getragen hat – und die deshalb trägt, was wir ihr bringen.

Das Stabat Mater – jene mittelalterliche Sequenz, die die Kirche heute betet – endet mit einer Bitte, die alles zusammenfasst: „Christi Mutter, steh mir bei, in der Stunde, da ich sterbe, lass mich durch dich geborgen sein.“ Das ist die letzte Wahrheit dieses Festes. Maria, die unter dem Kreuz stand, steht auch bei unserem Kreuz. Sie lässt uns nicht allein.

Bitten wir heute um ihre Fürsprache – dass wir lernen, im Leiden zu stehen wie sie. Dass wir in unseren dunkelsten Stunden nicht vergessen: Auch unter unserem Kreuz steht eine Mutter. Und durch sie führt der Weg zum Sohn.

Kreuz und Leid sind der Anteil unseres irdischen Lebens. Damit wir es  tragen lernen,wollen wir zum Vater  beten.

Damit uns das Kreuz des Herrn zur Auferstehung und zum Frieden führe, wollen wir  den Herrn bitten.

Selig,die mit Maria  unter dem Kreuz  stehen und Anteil erhalten an Auferstehung und  Herrlichkeit.

Amen.

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