Jesus Christus,der zu uns spricht mit der Vollmacht des ewigen Vaters, sei mit euch.
Die Kirche gedenkt heute eines Mannes, dessen Name mit einer der turbulentesten Epochen der Kirchengeschichte untrennbar verbunden ist: Robert Bellarmin, Jesuit, Kardinal, Bischof, Kirchenlehrer. Er lebte von 1542 bis 1621. In jenem Jahrhundert hatte die Reformation die westliche Christenheit gespalten. Theologische Auseinandersetzungen wurden nicht nur in Büchern, sondern auch auf Schlachtfeldern ausgetragen. Die Kirche rang zudem um ihre Identität.
Jesus, du hast den Schriftgelehrten ihre Falschheit vorgehalten. Herr,erbarme dich unser.
Du hast zu Besinnung und Umkehr gerufen. Christus,erbarme dich unser.
Du hast deinen Jüngern Verfolgung verheißen. Herr,erbarme dich unser.
In diese Zeit hinein stellte Gott einen Mann, der beides in sich vereinte: intellektuelle Schärfe und geistliche Tiefe. Robert Bellarmin wurde in Montepulciano in der Toskana als Neffe Papst Marcellus II. geboren. Er trat jung in den Jesuitenorden ein und zeigte von Anfang an eine außergewöhnliche Begabung für Theologie und Philosophie. Er studierte in Löwen, lehrte in Rom und wurde schließlich zum bedeutendsten katholischen Kontroverstheologen seiner Zeit – das heißt: zu jemandem, der die Glaubenslehre der Kirche gegenüber den Anfragen und Einwänden der Reformation klar, präzise und fair darlegte.
Das Wort „fair“ ist dabei wichtig. Bellarmin war kein polemischer Kämpfer, der den Gegner verzerrt, um ihn leichter widerlegen zu können. Er las die Schriften der Reformatoren sorgfältig, gab ihre Argumente korrekt wieder – und antwortete dann aus der Tiefe der kirchlichen Tradition. Seine Disputationes de controversiis christianae fidei, sein großes theologisches Hauptwerk, wurden von protestantischen Theologen ebenso studiert wie von katholischen, weil sie die Positionen beider Seiten mit einer Ernsthaftigkeit behandelten, die in jener Zeit selten war.
Aber Bellarmin war kein Gelehrter, der sich in seinen Büchern versteckte. Er war Bischof von Capua, und in dieser Rolle zeigte sich die andere Seite seines Lebens: der Hirt. Er verkaufte die Wandteppiche seines Bischofspalastes, um den Armen zu helfen. Er besuchte persönlich die Pfarreien seines Bistums. Er predigte regelmäßig, einfach und verständlich für Menschen, die keine Theologen waren. Der Mann, der mit den größten Intellektuellen seiner Zeit debattierte, fand ebenso Worte für den einfachen Bauern in seiner Diözese.
Und dann gibt es noch eine Episode, die uns heute besonders nachdenklich macht: seine Beziehung zu Galileo Galilei. Bellarmin war es, der Galilei im Jahr 1616 die Entscheidung des Heiligen Offiziums mitteilte, wonach er das heliozentrische Weltbild nicht vertreten durfte. Diese Episode wird oft als Beweis für die Engstirnigkeit der Kirche gegenüber der Wissenschaft angeführt. Aber die historische Wirklichkeit ist komplexer. Bellarmin schrieb selbst in einem Brief, dass man die Schrift neu auslegen müsste, wenn die Erdrotation wissenschaftlich bewiesen würde. Er war kein Feind der Vernunft. Er war ein Mann, der in einer Zeit der Unsicherheit versuchte, Glauben und Wissen in Beziehung zu setzen – nicht immer mit dem richtigen Ergebnis, aber mit redlichem Bemühen.
Das macht ihn vielleicht gerade heute so interessant. Er war kein Heiliger, der in einer einfachen, klaren Welt lebte. Er lebte in einer Welt des Umbruchs, der Spaltung, der neuen Fragen und der Unsicherheit. Und er hat in dieser Welt versucht, treu zu bleiben – dem Glauben, der Vernunft, den Menschen, die ihm anvertraut waren.
Liebe Schwestern und Brüder, auch wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Die Fragen, die an den Glauben gestellt werden, sind andere als zu Bellarmins Zeit – aber die Grundherausforderung ist dieselbe: Wie lebt man den Glauben glaubwürdig in einer Welt, die ihn nicht mehr selbstverständlich teilt? Wie bleibt man in seinen Überzeugungen klar, ohne arrogant zu wirken? Wie nimmt man die Fragen der Zeit ernst, ohne die Tiefe der Tradition zu verlieren?
Bellarmin hat keine perfekten Antworten hinterlassen. Aber er hat eine Haltung hinterlassen: die Haltung des Menschen, der betet und denkt und dient – und der weiß, dass diese drei Dinge nicht zu trennen sind. Wer nur betet, ohne zu denken, verflacht. Wer nur denkt, ohne zu beten, vertrocknet. Wer betet und denkt, aber nicht dient, bleibt unfruchtbar.
Er starb 1621 in Rom, schlicht und arm, wie er gelebt hatte. Papst Pius XI. sprach ihn 1930 heilig und erklärte ihn 1931 zum Kirchenlehrer. Sein Festtag ist der 17. September.
Bitten wir heute um seine Fürsprache – dass auch wir in unserer Zeit den Mut finden, klar und liebevoll für den Glauben einzustehen. Und dass wir nie vergessen: Die Stärke des Zeugnisses liegt nicht in der Lautstärke, sondern in der Tiefe des Lebens, aus dem es kommt.
Unser Leben ist auf dem Fundament der Botschaft Jesu Christi aufgebaut. Deshalb dürfen wir zum Vater beten.
Da wir das Wort des Herrn angenommen und unser Leben auf festen Grund gestellt haben,dürfen wir um seinen Frieden bitten.
Selig, die den Willen des Vaters tun und in das Himmelreich kommen werden.
Amen.