Jesus Christus, der alle Not unseres irdischen Lebens ertragen hat,sei mit euch.
Jesus schließt heute jenes umfassende Kapitel der Gleichnisse ab, das er am Ufer des Sees begonnen hat. Er tut dies mit einem letzten Bild, das auf den ersten Blick schlicht wirkt, aber bei näherer Betrachtung eine erstaunliche Tiefe enthüllt: das Gleichnis vom Fischnetz.
Jesus, du wolltest arm sein unter den Ärmsten der Menschen. Herr,erbarme dich unser.
Dein Leben war ohne Schutz und ohne Geborgenheit. Christus,erbarme dich unser.
Du kamst, um allen Menschen das Reich des Vaters zu verkünden. Herr,erbarme dich unser.
Ein Netz wird ins Meer geworfen. Es zieht alles herein – gute und schlechte Fische, alles, was im Wasser schwimmt, unterschiedslos. Erst am Ufer, wenn das Netz voll ist, kommt die Stunde der Trennung: Die guten Fische werden in Gefäße gesammelt, die schlechten werden weggeworfen.
Auf den ersten Blick klingt das wie eine Wiederholung des Gleichnisses vom Unkraut unter dem Weizen, das Jesus zu Beginn dieses Kapitels erzählt hat. Und tatsächlich ist die Grundstruktur dieselbe: eine Mischung von Gut und Böse in der Gegenwart, eine endgültige Scheidung am Ende. Aber der Unterschied liegt im Bild selbst – und das ist aufschlussreich.
Beim Unkraut war es ein Feind, der das Böse hineingebracht hat. Es gab eine klare Ursache, einen Verursacher. Beim Fischnetz gibt es keinen Feind. Das Netz zieht einfach alles. Die Mischung gehört zur Natur des Meeres, zur Natur der Welt, zur Natur der menschlichen Gemeinschaft. Jesus sagt damit etwas sehr Nüchternes: Die Kirche ist kein Aquarium, in dem nur ausgesuchte Fische schwimmen. Sie ist ein Netz, das ins offene Meer geworfen wird. Und das Meer ist weit, und es schwimmt darin vieles.
Das ist keine Entmutigung. Es ist eine Befreiung von einer Illusion – der Illusion, dass die Gemeinschaft der Glaubenden eine Gemeinschaft der Vollkommenen sein müsste. Diese Illusion hat in der Geschichte der Kirche immer wieder Schaden angerichtet: Sie hat zur Verurteilung geführt, zur Spaltung, zur Selbstgerechtigkeit. Das Gleichnis vom Fischnetz sagt: Das endgültige Sortieren ist nicht eure Aufgabe. Es ist die Aufgabe der Engel am Ende der Zeit. Eure Aufgabe ist das Werfen des Netzes.
Und dann folgt etwas, das man leicht übersieht – eine kurze, dichte Szene, die Jesus mit seinen Jüngern führt. Er fragt: „Habt ihr das alles verstanden?“ Sie antworten: „Ja.“ Und dann sagt er einen Satz, der wie eine Zusammenfassung des ganzen Kapitels klingt: „Jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem Vorrat Neues und Altes hervorholt.“
Das ist ein Bild für den Ausleger, für den Verkünder, für jeden, der das Wort Gottes weitergibt – aber eigentlich für jeden Christen, der seinen Glauben durchdacht hat. Der Schriftgelehrte, der ein Jünger geworden ist, hat zwei Schätze: das Alte und das Neue. Das Alte ist die Tiefe der Tradition, die Fülle der Schrift, das Erbe der Väter. Das Neue ist die Begegnung mit Jesus, die Frische des Evangeliums, die lebendige Erfahrung des Glaubens. Und er holt aus beidem hervor – nicht das eine gegen das andere ausspielend, sondern beide verbindend.
Das ist ein Bild, das für uns Priester und Prediger besonders aktuell ist. Wie oft stehen wir vor der Versuchung, nur das Alte hervorzuholen – die vertrauten Formeln, die bekannten Gedanken, die sicheren Pfade? Oder umgekehrt: nur das Neue zu betonen, das Zeitgemäße, das Ansprechende – und dabei die Tiefe der Tradition zu verlieren? Der weise Hausherr holt beides hervor. Er weiß, dass das Alte nicht veraltet, weil es tief ist. Und er weiß, dass das Neue nicht oberflächlich sein muss, weil es frisch ist.
Hinter diesem Bild steckt eine Theologie des Gedächtnisses. Das Evangelium ist keine Neuigkeit im Sinne einer Information, die man einmal gehört hat und dann kennt. Es ist ein Schatz, den man immer wieder neu aushebt – in unterschiedlichen Lebenssituationen und -altern, unter verschiedenen Umständen. Der Satz, der uns mit dreißig Jahren kaltgelassen hat, trifft uns mit sechzig ins Herz. Das Gleichnis, das wir hundertmal gehört haben, öffnet sich plötzlich in einer Stunde der Not und zeigt eine Tiefe, die wir vorher nicht sahen.
Liebe Schwestern und Brüder, das Gleichnis vom Fischnetz endet mit demselben Bild wie das Gleichnis vom Unkraut: dem Feuerofen, der Stunde des Gerichts, der Trennung. Jesus beschönigt nicht. Er sagt klar, dass die Entscheidungen, die wir in diesem Leben treffen – wie wir auf das Netz des Evangeliums reagieren, ob wir den Ruf hören und folgen – von bleibendem Gewicht sind. Das Netz zieht alles herein, aber nicht alle reagieren gleich auf das, was sie im Netz vorfinden.
Die Frage, die dieses Gleichnis uns stellt, ist deshalb keine abstrakte Frage über das Jenseits. Es ist eine sehr konkrete Frage für heute: Greife ich in meinen Schatz? Hole ich aus meinem Glauben hervor, was darin liegt – das Alte und das Neue? Lasse ich das Evangelium wirklich an mich heran, oder bleibe ich an der Oberfläche, befriedigt mit dem, was ich schon weiß?
Der Hausherr im Gleichnis sitzt nicht vor einem verschlossenen Schatz. Er holt hervor. Das Verb ist aktiv, es ist eine Bewegung. Glaube ist keine Ruhelage. Er ist eine ständige Bewegung des Hervorholens, des Entdeckens, des Staunens über das, was man schon lange besitzt und doch noch nicht ganz kennt.
Bitten wir heute um die Weisheit des Hausherrn. Mögen wir lernen, aus dem Schatz unseres Glaubens zu schöpfen, immer wieder neu. Und mögen wir die Geduld aufbringen, das Netz ins Meer zu werfen – in Familien, in Gemeinden, in Gesprächen – und das Sortieren dem zu überlassen, dem es zusteht.
Da wir auf den Weg Jesu Christi gerufen sind ,wollen wir den Vater um seinen Beistand bitten.
Wer Christus, dem Herrn, nachfolgt,wird bei ihm den Frieden finden. Deshalb bitten wir.
Selig, die Christus nachfolgen, ohne zurückzublicken, und tauglich befunden werden für das Reich Gottes.