Wenn wir das Wort „Liebe“ hören, denken wir oft an Gefühle: an Zuneigung, Sympathie, Freundschaft, Geborgenheit oder die Liebe zwischen zwei Menschen. In der Heiligen Schrift bedeutet Liebe jedoch noch viel mehr. Die Liebe, die Gott von uns erwartet, ist nicht nur ein Gefühl. Sie ist eine Entscheidung, eine Haltung und eine Lebensweise.
Jesus fasst das ganze christliche Leben in zwei Geboten zusammen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken“ und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (vgl. Mt 22,37–39).
1. Gott verlangt eine Liebe mit ganzem Herzen.
Gott möchte nicht nur einen kleinen Platz in unserem Leben haben. Er möchte im Mittelpunkt unseres Lebens stehen. Gott lieben bedeutet deshalb, ihm zu vertrauen, nach seinem Willen zu fragen und unser Leben an ihm auszurichten.
Man kann an Gott glauben und ihn trotzdem im Alltag vergessen. Man kann beten und gleichzeitig Entscheidungen treffen, als ob Gott nicht existieren würde. Wahre Gottesliebe zeigt sich darin, dass wir Gott auch in unsere Arbeit, unsere Beziehungen, unsere Sorgen und unsere Entscheidungen hineinnehmen.
Wer Gott liebt, fragt nicht nur: „Was möchte ich?“, sondern auch: „Herr, was möchtest du von mir?“
2. Liebe zeigt sich in Taten
Jesus sagt: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“ (Joh 14,15).
Damit macht er deutlich, dass die Liebe zu Gott konkrete Folgen haben muss. Es genügt nicht, wohlklingende Worte über Gott zu sprechen. Unser Glaube muss in unserem Verhalten sichtbar werden.
Wenn ich Gott liebe, bemühe ich mich um Ehrlichkeit. Ich versuche zu vergeben. Ich helfe einem Menschen, der mich braucht. Ich nehme mir Zeit zum Gebet. Ich kämpfe gegen meine schlechten Gewohnheiten. Ich bemühe mich, meinen Mitmenschen mit Respekt zu begegnen.
Die Liebe wird also dort sichtbar, wo sie etwas kostet.
3. Gott verlangt eine Liebe ohne Berechnung
Unsere menschliche Liebe ist manchmal von Erwartungen geprägt: Ich bin gut zu dir, weil ich hoffe, dass du auch gut zu mir bist. Ich helfe dir, weil ich vielleicht später deine Hilfe brauche.
Jesus geht weiter. Er sagt: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44).
Das gehört zu den schwierigsten Forderungen des Evangeliums. Jesus verlangt damit nicht, dass wir Unrecht gutheißen oder dass wir jedem Menschen vertrauen müssen. Christliche Liebe bedeutet vielmehr, dass wir auch einem Menschen, der uns verletzt hat, nicht das Böse wünschen. Wir sollen versuchen, Hass und Rache nicht über unser Herz herrschen zu lassen.
Gerade hier zeigt sich der Unterschied zwischen natürlicher Sympathie und christlicher Liebe. Sympathie entsteht oft von selbst. Christliche Liebe kann eine bewusste Entscheidung sein.
4. Gott verlangt barmherzige Liebe
Jesus zeigt uns besonders deutlich, dass Liebe und Barmherzigkeit zusammengehören. Denken wir an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Samariter sieht einen verletzten Menschen am Straßenrand. Er fragt nicht nach seiner Herkunft, seiner Religion oder danach, ob dieser Mensch seine Hilfe verdient hat. Er sieht seine Not – und hilft.
Auch wir begegnen immer wieder Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Manchmal brauchen sie Geld oder materielle Unterstützung. Viel häufiger brauchen sie vielleicht unsere Zeit, ein gutes Wort, Geduld, Aufmerksamkeit oder einfach jemanden, der ihnen zuhört.
Wir müssen nicht die ganze Welt retten. Aber wir können den Menschen lieben, den Gott heute auf unseren Weg stellt.
5. Liebe bedeutet auch Vergebung
Eine der größten Prüfungen der Liebe ist die Vergebung. Solange uns niemand verletzt, ist es relativ leicht, über Liebe zu sprechen. Schwieriger wird es, wenn wir enttäuscht, beleidigt oder ungerecht behandelt werden.
Jesus kennt diese Schwierigkeit. Trotzdem ruft er uns zur Vergebung auf.
Vergeben bedeutet nicht, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Es bedeutet auch nicht, dass jede zerstörte Beziehung wieder genauso werden muss wie früher. Vergebung bedeutet zunächst, dass ich die Rache nicht zum Mittelpunkt meines Lebens mache und das endgültige Urteil Gott überlasse.
Manchmal geschieht Vergebung nicht in einem einzigen Augenblick. Sie kann ein langer Weg sein. Auch auf diesem Weg dürfen wir Gott um Hilfe bitten: „Herr, ich kann diesem Menschen noch nicht von Herzen vergeben. Aber hilf mir, dass ich nicht im Hass bleibe.“
6. Liebe verlangt Opfer
Das größte Zeichen der Liebe sehen wir am Kreuz. Jesus sagt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13).
Christliche Liebe ist deshalb immer auch bereit, etwas zu geben: Zeit, Kraft, Aufmerksamkeit, Geduld und manchmal sogar eigene Wünsche und Bequemlichkeit.
Eltern zeigen diese Liebe, wenn sie sich um ihre Kinder kümmern. Ein Mensch zeigt sie, wenn er einen kranken Angehörigen begleitet. Ein Freund zeigt sie, wenn er in einer schweren Zeit nicht davonläuft. Ein Christ zeigt sie, wenn er einem Menschen hilft, obwohl niemand davon erfährt und er dafür keinen Dank bekommt.
Liebe fragt nicht immer: „Was bekomme ich dafür?“ Sie kann fragen: „Was kann ich geben?“
7. Wir können nur lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat
Hier liegt das Geheimnis der christlichen Liebe. Gott verlangt von uns nicht etwas, was er selbst nicht getan hätte.
Der Apostel Johannes schreibt: „Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1 Joh 4,19).
Unsere Liebe beginnt deshalb nicht bei unserer eigenen Leistung, sondern bei Gott. Je tiefer wir erkennen, dass wir von Gott geliebt, angenommen und getragen sind, desto mehr werden wir fähig, diese Liebe weiterzugeben.
Darum braucht christliche Liebe das Gebet. Wir können nicht immer aus eigener Kraft geduldig, barmherzig und vergebungsbereit sein. Wir müssen immer wieder zur Quelle zurückkehren – zu Gott.
8. Die Liebe ist der Maßstab unseres christlichen Lebens
Am Ende unseres Lebens wird nicht entscheidend sein, wie erfolgreich, bekannt oder angesehen wir waren. Entscheidend wird sein, was wir aus Liebe getan haben.
Jesus identifiziert sich besonders mit den Menschen, die unsere Hilfe brauchen: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (vgl. Mt 25,40).
Das gibt unserem Alltag eine neue Bedeutung. Vielleicht begegnet uns Christus gerade in einem einsamen Menschen. Vielleicht wartet er auf uns in einem Kranken. Vielleicht begegnet er uns in jemandem, der unsere Geduld auf die Probe stellt. Vielleicht steht Christus sogar in dem Menschen vor uns, den wir nicht besonders mögen.
Schluss
Was für eine Liebe verlangt Gott also von uns?
Er verlangt keine Liebe, die nur aus schönen Worten besteht. Er möchte eine Liebe, die betet und handelt, die hilft und vergibt, die geduldig und barmherzig ist. Eine Liebe, die nicht nur diejenigen umfasst, die uns sympathisch sind. Eine Liebe, die bereit ist, Opfer zu bringen.
Das ist anspruchsvoll. Aus eigener Kraft werden wir eine solche Liebe niemals vollkommen verwirklichen können. Aber Gott verlangt nicht, dass wir von heute auf morgen vollkommen sind. Er lädt uns ein, jeden Tag einen Schritt weiterzugehen.
Vielleicht können wir deshalb jeden Morgen beten:
Herr, lass mich heute deine Liebe erkennen.
Zeige mir den Menschen, der meine Liebe braucht.
Gib mir Kraft, dort zu vergeben, wo ich verletzt wurde,
zu helfen, wo jemand mich braucht,
geduldig zu sein, wo es mir schwerfällt,
und zu lieben, auch wenn ich dafür nichts zurückbekomme.
Lass meine Liebe nicht nur aus Worten bestehen,
sondern auch in meinem Leben sichtbar werden. Amen.
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