Gott, unser Vater, von dem wir alles haben, sei mit euch.
Es gibt Feste im Kirchenjahr, die sich aus dem Rhythmus des Lebens selbst ergeben – nicht aus einem theologischen Beschluss. Sie ergeben sich aus der uralten Erfahrung des Menschen, dass er nicht allein ist in dieser Welt, dass hinter dem, was wächst und reift und geerntet wird, eine Güte steht, die nicht von ihm kommt. Das Erntedankfest ist ein solches Fest. Es ist vielleicht das ehrlichste Fest des Jahres – weil es uns zwingt, innezuhalten und zuzugeben: Wir haben empfangen.
Herr Jesus Christus,du bist der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Kyrie eleison.
Durch dich wurde alles geschaffen im Himmel und auf Erden. Christe eleison.
Du schaffst einen neuen Himmel und eine neue Erde. Kyrie eleison.
Das ist keine Selbstverständlichkeit. Der moderne Mensch ist es gewohnt zu denken, dass er das, was er hat, selbst erarbeitet hat. Die Ernte kommt aus dem Supermarkt, das Brot aus der Fabrik, das Gemüse aus dem Kühlregal – sauber verpackt, ohne Erde. Ohne Regen und ohne die Ungewissheit des Bauern, der im Frühjahr sät und nicht weiß, was der Sommer bringt. Diese Distanz zur Entstehung unserer Nahrung hat etwas Gefährliches: Sie lässt uns vergessen, dass wir abhängig sind. Abhängig von der Erde, vom Wasser, vom Klima – und hinter all dem: von Gott.
Das Buch Deuteronomium kennt diese Gefahr. Mose warnt das Volk Israel, bevor es ins gelobte Land einzieht, mit Worten, die heute so aktuell sind wie damals: „Hüte dich, dass du den Herrn, deinen Gott, nicht vergisst… Wenn du dann isst und satt wirst, wenn du schöne Häuser baust und darin wohnst… dann hüte dich, dass dein Herz nicht überheblich wird und du den Herrn, deinen Gott, vergisst“ (Dtn 8,11-14). Der Wohlstand ist die größte Versuchung zum Vergessen. Der Hunger erinnert uns an die Abhängigkeit. Die Fülle lässt uns glauben, wir seien selbstgenügsam.
Das Erntedankfest ist der Widerstand gegen dieses Vergessen. Es ist die jährliche Übung der Dankbarkeit – und Dankbarkeit ist keine sentimentale Geste. Sie ist eine theologische Haltung. Wer dankt, erkennt an, dass er empfangen hat. Wer empfangen hat, weiß, dass er nicht der Ursprung ist. Wer nicht der Ursprung ist, kann demütig sein. Und Demut ist der Boden, auf dem das ganze christliche Leben wächst.
Der heilige Paulus schreibt im Brief an die Philipper jenen Satz, der wie eine Zusammenfassung des Erntedankfestes klingt: „Ich habe gelernt, in jedem Zustand zufrieden zu sein. Ich weiß Niedrigkeit zu ertragen und weiß im Überfluss zu leben“ (Phil 4,11-12). Dankbarkeit ist für Paulus keine Stimmung, die man hat, wenn alles gut geht. Sie ist eine Kunst, die man lernt – in der Fülle und in der Not. Das ist das Gegenteil von jenem modernen Glück, das immer von den äußeren Umständen abhängt. Der dankbare Mensch findet in jedem Zustand einen Grund, Gott anzuschauen.
Aber das Erntedankfest wäre missverstanden, wenn es nur ein Fest der persönlichen Dankbarkeit wäre – eine Art religiöse Selbstbesinnung, nach der man wieder nach Hause geht und alles beim Alten bleibt. Die Ernte, für die wir danken, gehört nicht nur uns. Das ist die zweite, unbequemere Botschaft dieses Festes.
Im Buch Levitikus gibt Gott dem Volk Israel eine Anweisung, die in ihrer Schlichtheit verblüffend ist: „Wenn ihr eure Ernte einbringt, sollst du die Ecken deines Feldes nicht bis zum Rand abernten und die liegengebliebenen Ähren nicht auflesen. Du sollst sie für den Armen und den Fremden dalassen“ (Lev 19,9-10). Die Ecken des Feldes gehören den Armen. Die Ernte ist nie ganz privat. Sie hat von Anfang an eine soziale Dimension eingebaut – nicht als Almosen, sondern als Recht. Der Arme hat ein Recht auf die Ecken des Feldes.
Diese Logik ist radikal und sie ist aktuell. In einer Welt, in der die globale Nahrungsmittelproduktion theoretisch ausreichen würde, alle Menschen zu ernähren, und trotzdem Hunderte Millionen hungern, stellt das Erntedankfest eine sehr konkrete Frage: Wo sind unsere Ecken des Feldes? Was geben wir ab? Nicht aus Überfluss, nicht aus dem, was wir ohnehin nicht brauchen – sondern als bewussten Akt der Solidarität, der anerkennt, dass die Güter dieser Erde für alle bestimmt sind.
Der heilige Johannes Chrysostomus hat diesen Gedanken einmal mit einer Schärfe formuliert, die uns heute noch trifft. „Nicht von deinem Eigentum gibst du dem Armen, sondern du gibst ihm zurück, was ihm gehört.“ Denn was zum gemeinsamen Gebrauch gegeben wurde, hast du allein an dich genommen.“ Das ist keine Sozialkritik von außen. Das ist Theologie. Die Erde gehört Gott, und Gott hat sie für alle bestimmt.
Liebe Schwestern und Brüder, die Erntegaben, die heute den Altarraum schmücken – das Brot, das Gemüse, das Obst – sind nicht nur schöne Dekoration. Sie sind ein Bekenntnis. Sie sagen: Wir wissen, woher das kommt. Wir wissen, dass wir Empfänger sind. Und wir wissen, dass das Empfangene nicht bei uns enden soll.
Es gibt eine alte Tradition, die Erntegaben nach dem Gottesdienst an Bedürftige weiterzugeben – an Familien in Not, an Suppenküchen, an Obdachlosenheime. Diese Geste schließt den Kreis: von Gottes Hand in unsere Hände, und von unseren Händen in die Hände derer, die nichts haben. So wird die Dankbarkeit zur Tat, und die Tat zur Predigt, die lauter spricht als jedes Wort.
Das Erntedankfest lädt uns ein, einmal im Jahr bewusst innezuhalten und drei Fragen zu stellen: Was habe ich empfangen? Von wem habe ich es empfangen? Und was gebe ich weiter?
Wer diese drei Fragen ehrlich beantwortet, hat das Erntedankfest verstanden.
Bitten wir heute um die Gnade der Dankbarkeit – jener tiefen, nüchternen Dankbarkeit, die nicht von der Stimmung abhängt, sondern aus dem Glauben kommt. Und um den Mut, die Ecken unseres Feldes freizulassen – für jene, die auf sie warten.
Wir wissen,dass wir alles, was wir haben und können, einem anderen zu verdanken haben. Darum gibt es kein besseres Gebet,um unseren Dank auszudrücken,als das Vaterunser. Darum beten wir jetzt miteinander.
Da wir mit Christus die Last des Lebens tragen, finden wir in ihm den Frieden, um den wir bitten.
Du lässt Gras wachsen für das Vieh,auch Pflanzen für den Menschen,damit er Brot gewinnt von der Erde und Wein ,der das Herz des Menschen erfreut.
Amen.