Gott, der Herr, der uns in sein Reich der Herrlichkeit berufen hat, sei mit euch.
Das Gleichnis, das Jesus heute erzählt, ist eines der schärfsten und zugleich traurigsten des gesamten Evangeliums. Es ist kein tröstliches Gleichnis, kein einladendes Bild wie das vom verlorenen Sohn oder vom barmherzigen Vater. Es ist ein Gleichnis der Konfrontation – und Jesus richtet es bewusst an die Hohenpriester und Ältesten, die ihn gerade nach seiner Vollmacht gefragt haben. Er antwortet ihnen nicht mit einer Erklärung, sondern mit einer Geschichte. Und die Geschichte ist ein Spiegel.
Du kamst als Bote des Vaters, uns heimzuführen in sein Reich. Herr,erbarme dich unser.
Du hast uns gerufen, zu tun,was wir dem Vater schuldig sind. Christus, erbarme dich unser.
Du hast uns den Frieden des Vaters versprochen. Herr,erbarme dich unser.
Ein Mann pflanzt einen Weinberg. Er legt ihn mit Sorgfalt an – Zaun, Kelter, Wachturm, alles ist da. Er hat nichts dem Zufall überlassen. Dann verpachtet er ihn an Winzer und reist in ein fernes Land. Die Bildsprache ist transparent: Der Mann ist Gott, der Weinberg ist Israel – und in einem weiteren Sinn: die Kirche, die Menschheit, die Schöpfung. Die Winzer sind jene, denen das Erbe anvertraut wurde. Die Pacht, die der Eigentümer erwartet, sind die Früchte – nicht Geld, sondern Leben, Treue, Gerechtigkeit.
Was dann folgt, ist eine Eskalation, die man kaum glauben möchte. Der erste Bote wird geschlagen, der zweite getötet, der dritte gesteinigt. Weitere Boten, dasselbe Schicksal. Und dann trifft der Eigentümer eine Entscheidung, die auf den ersten Blick unbegreiflich ist: Er schickt seinen Sohn. „Sie werden meinen Sohn achten“, denkt er. Diese Hoffnung ist keine Naivität – sie ist die Logik der Liebe, die immer noch an die Möglichkeit der Umkehr glaubt, auch wenn alle Zeichen dagegen sprechen.
Aber die Winzer töten auch den Sohn. Und ihre Überlegung dabei ist erschreckend klar: „Das ist der Erbe. Kommt, wir töten ihn und bemächtigen uns seines Erbes.“ Sie wollen nicht Pächter sein. Sie wollen Eigentümer sein. Das ist die Sünde, die hinter allen anderen Sünden liegt – der Wille, nicht zu empfangen, sondern zu besitzen. Nicht zu verwalten, sondern zu beherrschen. Nicht Gott zu dienen, sondern Gott zu ersetzen.
Jesus fragt dann seine Zuhörer: Was wird der Eigentümer des Weinbergs mit diesen Winzern tun? Und sie antworten selbst – sie sprechen ihr eigenes Urteil: „Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg anderen Winzern verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit ist.“ Sie haben die Parabel verstanden. Sie haben nur nicht verstanden, dass sie selbst die Winzer sind.
Dann zitiert Jesus Psalm 118: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden.“ Dieser Satz ist einer der meistzitierten Psalmverse im Neuen Testament – und er trägt eine paradoxe Logik in sich, die das Herz des Evangeliums berührt. Was Menschen verwerfen, macht Gott zum Fundament. Was in menschlichen Augen wertlos, gefährlich, störend ist – das wird in Gottes Händen zum tragenden Stein. Der verworfene Sohn wird zur Grundlage einer neuen Gemeinschaft.
Es wäre leicht, dieses Gleichnis als historische Abrechnung mit dem jüdischen Volk zu lesen – so wurde es leider in der Geschichte der Kirche oft missverstanden, mit verheerenden Folgen. Aber das wäre eine gefährliche Verengung. Jesus spricht zu religiösen Führern, nicht zu einem Volk. Und die Frage, die er stellt, richtet sich an jeden, dem ein Erbe anvertraut wurde – also an jeden Getauften, jeden Priester, jeden Bischof, jeden Menschen, der sagt: Ich glaube.
Die eigentliche Frage des Gleichnisses ist diese: Wie gehe ich mit dem um, was mir anvertraut wurde? Der Weinberg ist nicht mein Eigentum. Er ist mir übergeben – zur Pflege, zur Bearbeitung, zur Fruchtbarmachung. Die Gemeinde, die mir anvertraut ist, ist nicht mein Besitz. Die Begabungen, die ich habe, sind nicht mein Verdienst. Das Evangelium, das ich verkünde, ist nicht meine Erfindung. Alles ist Pacht.
Alles ist Geschenk. Alles erwartet Früchte.
Und die Boten kommen. Sie kommen in verschiedenen Gestalten – manchmal als prophetische Stimme, die uns unbequem erinnert, manchmal als Mensch in Not, der an unsere Tür klopft, manchmal als innere Unruhe, die uns nicht schlafen lässt. Die Frage ist, wie wir auf diese Boten reagieren. Ob wir sie willkommen heißen oder wegschicken. Ob wir hören oder verstummen lassen.
Das Gleichnis endet nicht mit Verzweiflung. Es endet mit einer Verheißung: Der Weinberg wird nicht aufgegeben. Er wird anderen anvertraut, die Früchte bringen. Gott lässt nicht ab von seiner Schöpfung. Er lässt nicht ab von der Kirche, auch wenn sie ihn enttäuscht. Er lässt nicht ab von uns, auch wenn wir ihn enttäuschen. Er schickt immer wieder Boten. Er wartet immer noch auf Früchte.
Der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben, steht. Er steht auch dann, wenn wir um ihn herumbauen. Er steht auch dann, wenn wir so tun, als gäbe es ihn nicht. Die Frage ist nur, ob wir auf ihm bauen oder an ihm straucheln.
Bitten wir heute um die Gnade der Pächter, die ihrem Herrn treu sind – die wissen, dass der Weinberg nicht ihnen gehört, und die gerade deshalb mit Freude in ihm arbeiten. Und um die Weisheit, die Boten zu erkennen, wenn sie kommen.
Da wir Kinder Gottes und Erben seines sind,dürfen wir es wagen,zum Vater zu beten.
Damit unser Leben im Frieden Gottes Früchte bringen kann, wollen wir den Herrn bitten.
Selig, die Frucht bringen zur rechten Zeit und behalten, was ihnen anvertraut.
Amen.