Mahnung zur Bescheidenheit
Einführung
Im heutigen Evangelium legt uns Jesus ans Herz, dass wir uns nicht nach Ehrenplätzen sehnen sollen und nicht zögern sollen, die letzten Plätze einzunehmen, die uns Gott zu unserer geistlichen Bereicherung gibt. Die heilige Theresia von Lisieux sagte: Ich wähle immer jenen Platz, von dem ich weiß, dass ihn mir niemand nehmen wird. Wie ist es mit uns? Nach welchen Plätzen sehnen wir uns?
Predigt
Meistens suchen die Menschen den Platz, der nach menschlichen Augen wertvoll ist, und nicht die Plätze, an denen sie verkannt werden könnten. Gott denkt jedoch anders. Für Menschen, die gerne den letzten Platz wählen, sorgt Gott, denn er erhöht sie. Wir kennen das Magnificat, in dem Maria Gott dafür hochpreist, dass er die im Herzen Hochmütigen zerstreut und die Niedrigen erhöht.
Den ersten Platz werde ich nicht mit menschlichen Kräften erreichen können, sondern das muss ich Gott überlassen. Er wird dafür sorgen, dass ich den mir zustehenden Platz erhalte. Ich soll auch bereit sein, den letzten Platz aus Gottes Hand anzunehmen. Wenn Gott mir nämlich manchmal den letzten Platz zuweist, dann ist das seine Angelegenheit und ich muss ihm auch dann dankbar sein. Auch wenn mir der letzte Platz nicht gefällt, kann ich daran nichts ändern.
In der heutigen ersten Lesung aus dem Buch Jesus Sirach haben wir folgende Worte gehört: „Je bedeutender du bist, desto mehr bescheide dich, dann wirst du Gnade finden bei Gott.” Selten findet man einen Menschen, der in den Augen anderer groß und gleichzeitig demütig ist. Es ist schrecklich, einen Menschen zu erleben, der um jeden Preis groß sein will und dadurch den Menschen, mit denen er lebt, das Leben schwer macht. Ein Zusammenleben mit demütigen Menschen ist viel leichter als mit Hochmütigen.
Wir kennen unsere eigenen Standpunkte. Fragen wir uns selbst: Bin ich demütig? Oder erzwinge ich mir mit Gewalt einen Ehrenplatz? Es ist interessant, dass sich die Sehnsucht nach ersten Plätzen schon bei Kindern bemerkbar macht. Es gibt Kinder, die gern damit angeben, dass ihre Eltern reich sind, dass sie sich einen teuren, aufwendigen Urlaub leisten können. Oftmals schauen solche Kinder auf andere Kinder, die arme Eltern haben von oben herab.
Ein Priester erzählt: „Unlängst kam eine Gruppe von Menschen zu mir. Dazu gehörten ein älterer Mann und drei jüngere Männer. Sie sahen so aus, als seien sie obdachlos. Der ältere Mann bat mich um eine Unterkunft. Ich war nicht sehr bereit, ihnen Unterkunft zu gewähren. Als ich aber sah, dass sie wirklich auf eine Unterkunft angewiesen waren, gab ich ihnen einen unmöblierten Raum. Als die Gruppe am nächsten Morgen fortging, wurde mir bewusst, dass mir der ältere Mann irgendwie bekannt vorkam. Ich überlegte und dann wusste ich es: Das war Abbé Pierre, ein französischer katholischer Kapuziner-Priester. Er ist der Gründer der Wohltätigkeitsorganisation Emmaus, die sich um Obdachlose kümmert. Abbé Pierre ist weltweit bekannt. Da bedauerte ich, dass ich ihm nur das Allernotwendigste gegeben hatte. Dieser Priester ist ein sehr demütiger und anspruchsloser Mensch. Er sucht keinen Ehrenplatz, sondern hilft armen Menschen..
Wir können also wählen: Gehen wir den Weg des Hochmuts oder den der Demut? Wenn wir uns für Demut entscheiden, folgen wir dem Weg Gottes. Wir sollten uns deshalb nicht vor dem letzten Platz fürchten, denn dort ist Gott bei uns.
Ein anderer Priester erzählt: „Ich fuhr mit meinem Auto in den Hof eines Bauernhauses. Dabei bin ich unabsichtlich die Schüssel umgefahren, die der Bauer für seinen Hund hingestellt hatte. Der Bauer schimpfte mich ordentlich zusammen und fragte: „Haben Sie denn keine Augen im Kopf?” Ich konnte nur sagen, dass es mir nicht absichtlich passiert ist, und verheimlichte, dass ich Priester bin. Warum? War ich hochmütig? Sollte sich nicht auch ein Priester darum bemühen, demütig zu sein?
Wenn in Ars ein Wunder geschah, dann wurde Pfarrer Vianney von den Menschen gefeiert. Er zog sich jedoch zurück, um diesen Menschen aus dem Weg zu gehen. Er hatte auch eine besondere Beziehung zur Heiligen Filomena. Wenn ein Wunder geschah, machte er ihr in seinen Gebeten Vorwürfe: „Bitte, heilige Filomena!“ Was machst du da? Du siehst doch, wie mich die Menschen von Ars dann feiern! Vianney hatte Angst vor der Erhöhung in den Augen der Menschen. Wenn er aber etwas sagte, wofür sie ihn am liebsten vertreiben wollten, dann war er so unbeugsam und versuchte, sie von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Das ist eine demütige Haltung, die Jesus jedem anbietet. Jesus sagt zu uns: „Lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig!”