Einleitung
Ein jüdischer Geschäftsmann wurde böse auf seinen Schwiegersohn, weil dieser erst nach der Hochzeit eingestanden hatte, dass er nichts besitzt und von der Mitgift seiner Tochter leben würde. Er sagte: „Wenn du ein anständiger Mensch wärest, hättest du mir das schon vor der Hochzeit mitgeteilt.“ Der Schwiegersohn antwortete darauf: „Das habe ich doch gemacht. Ich habe Ihnen doch klar gesagt, dass ich ohne Ihre Tochter nicht leben kann.“ Wenn diese Aussage „Ich kann ohne dich nicht leben“ im Sinne einer menschlichen Beziehung ausgesprochen wird, ist sie durchaus positiv. Wenn es aber um wirtschaftliche Aspekte geht, ist das eine Halbwahrheit, ein Versuch, jemanden zu täuschen.
Predigt
Gott wollte seine Zuneigung zu uns Menschen ausdrücken und uns seine besondere Liebe schenken. Das tat er mit Jesus, der als Kind in Bethlehem geboren wurde. Dieses Kind in der Krippe ist das Zeichen der Liebe Gottes zu uns. Diese Zuneigung Gottes hat die Kraft, die Welt zu verändern. Was ist das Wesen von Weihnachten? Jesus verließ seinen himmlischen Palast, um in einen Stall einzuziehen. Er verließ den Luxus des Himmels und nahm eine Wohnung bei Ochs und Esel, musste ihren Gestank ertragen. Statt der Engel und Erzengel kamen einfache Hirten zu ihm. Er verwandelte also die Allmacht in die Ohnmacht und nahm sie an. Der Gipfel dieser Wandlung erfüllte sich 33 Jahre später in den Ereignissen seines Leidensweges zum Heil für uns Menschen. Weihnachten bedeutet: Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott ähnlich werden kann. Er bietet uns diese Verwandlung an. Weihnachten zu feiern bedeutet nicht nur Erinnerung an den menschengemäßen Gottessohn, sondern auch Hoffnung auf Heil. Zwischen Erinnerung und Hoffnung besteht eine enge Beziehung. Also feiern wir die Erinnerung an Gott, der Kind geworden ist, und gleichzeitig die Hoffnung, dass Gott uns hilft, uns zu verwandeln. Unser Egoismus soll zu Liebe werden, die Krankheit sollen wir mit Liebe annehmen, die Sündhaftigkeit soll sich zur Heiligkeit umwandeln, die Sterblichkeit zur Unsterblichkeit. Jeder von uns könnte erzählen, was Weihnachten für ihn bedeutet. Erinnerungen sind essenziell. Sie geben uns die Hoffnung. Wer die Hoffnung hat, hat die Zukunft, erkennt den Sinn des Lebens.
Charles Dickens, ein englischer Schriftsteller, verfasste die Geschichte eines Mannes, der seine Erinnerungen verlor. Dieser Mann wurde gefühllos und kalt.
Die Erinnerung daran, dass wir zu Weihnachten ein Spielzeug bekommen haben, dass uns jemand geküsst hat, ist eine Quelle des Guten in uns. Auch die Erinnerungen an die Liebe, die wir von unseren Eltern und Großeltern erhalten haben, sind Quellen des Guten in uns. Nur so sind wir fähig, Liebe weiterzugeben und uns zu verwandeln. Wenn Menschen keine Erinnerungen mehr an Weihnachten haben, können sie das Wesen von Weihnachten nicht mehr erkennen. Auch in China und Japan feiern die Menschen Weihnachten, aber sie wissen von Jesus nichts. Das wahre Weihnachten braucht eine Beziehung zu Gott. Gott sagte „Ja“ zu den Menschen. Jetzt sind wir an der Reihe, „Ja“ zu Gott zu sagen. Jedes Gebet, jede heilige Messe, jede gute Handlung bedeutet ein „Ja“-Sagen zu Gott. In dem Ausmaß, wie wir fähig sind, Gott „Ja“ zu sagen, so weit werden wir uns verwandeln.
Antoine de Saint-Exupéry, ein französischer Schriftsteller, schrieb über einen Piloten, der gegen die spanischen Faschisten kämpfte. Dieser fiel in die Hände der Feinde und wurde ins Gefängnis gesperrt. Verächtliche Blicke und die harte Behandlung des Aufsehers ließen in ihm den Eindruck entstehen, dass er am nächsten Tag hingerichtet würde. Er schrieb in ein Tagebuch: Ich war sicher, sie würden mich töten. Ich war nervös und erschüttert und so tastete ich in meiner Tasche nach einer Zigarette. Ich habe eine gefunden, aber ich hatte keine Streichhölzer dabei. Ich habe über das Gitter geschaut, wo der Aufseher war, und unsere Augen haben sich begegnet. Aber warum sollte er sich für mich interessieren? Ich war doch für ihn schon so gut wie tot. Da schrie ich: „Herr Aufseher, haben Sie Feuer für mich?“ Er schaute mich an und kam zu mir, um die Zigarette zu entzünden. Als er das Zündholz über die Zündfläche strich, ruhten seine Augen auf mir. In diesem Moment lächelte ich und wusste nicht einmal, warum ich das getan hatte. Aber was geschah? In diesem Moment schienen die Funken überzuspringen – ich weiß, er wollte das nicht –, aber mein Lächeln entlockte ihm ebenfalls ein. Er zündete meine Zigarette an, blieb bei mir, schaute direkt in meine Augen und lächelte wieder. Es wurde mir bewusst: Dieser Mann ist nicht nur ein Gefängnisaufseher; er hat auch durchaus etwas Menschliches an sich. Dann fragte er mich: „Hast du Kinder?“ Ich antwortete: „Ja, hier sehen Sie!“ Und ich zog aus meiner Brusttasche ein Foto meiner Familie heraus. Auch er zeigte mir dann ein Foto und begann, von seiner Familie und seinen Plänen zu erzählen. Da begann ich zu weinen und sagte: „Ich habe Angst, meine Kinder nie mehr zu sehen.“ Da füllten sich auch seine Augen mit Tränen. Dann sperrte er plötzlich – ohne ein Wort zu sagen – die Zelle auf und führte mich hinaus. Wir gelangten über Nebenwege aus der Stadt hinaus. Dort am Stadtrand ließ er mich gehen. Exupéry endete seine Geschichte mit den Worten: „Sein Leben wurde durch ein einziges Lächeln gerettet.“ Die Erinnerung verwandelte sich also in Hoffnung. Die Erinnerung an die Liebe zu seiner Familie wurde zur Ursache für die veränderte Haltung des Aufsehers. Aus dem Aufseher wurde ein menschlicher Bruder und aus dem Gefangenen ein freier Mensch.
Wir sollten dankbar sein für das Lächeln des Gotteskindes in Bethlehem, durch das sich Gott allen Menschen geäußert hat.