26. Sonntag A, Mt 21,28-32
Einleitung
Im Märchenbuch der Gebrüder Grimm findet man das bekannte Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein. Die Großmutter sagte zu ihren Zicklein: „Ihr dürft euch auch überall im Haus aufhalten, nur in den Kasten, wo die alte Uhr ist, dürft ihr nicht hineinkriechen. Eines Tages, als die Mutter nicht zu Hause war, kam der Wolf in böser Absicht zu Besuch. Da versteckten sich die Zicklein überall im Haus – einige unter dem Tisch, einige unter dem Bett, ein drittes im Schrank. Nur ein einziges ungehorsames Zicklein versteckte sich im Uhrkasten. Alle hat der Wolf gefunden und aufgefressen, nur das eine im Uhrkasten war gerettet, denn er konnte es nicht entdecken. Wäre es richtig, das ungehorsame Zicklein dafür zu rügen, dass es den Befehl seiner Mutter übertreten hat und nur so sein Leben gerettet hat? Da fällt es mir nicht leicht, zu sagen, wer hier gehorsam und wer ungehorsam war.
Predigt
Eltern wissen, dass es hier nicht nur um ein Märchen geht, sondern dass es alltägliche Erfahrungen mit Kindern sind. Es ist nicht immer leicht, jemanden wegen Ungehorsams zu verurteilen, weil sich oft eine bestimmte Initiative und Kühnheit– einige unter dem Tisch, einige dahinter – verstecken. Es ist auch nicht leicht, jemanden für seinen Gehorsam zu loben, weil dahinter auch Faulheit und Verzagtheit liegen können.
Dazu ein ganz einfaches Beispiel: Eine Mutter hatte zwei Söhne. Der eine Sohn trank sehr oft aus Durst, und wenn er nach Hause zu seiner Mutter kam, sagte er jedes Mal: „Mutti, ich bin dir so dankbar für alles, was du für mich tust. Was würde ich ohne dich machen?“ Der zweite Sohn war makellos; er arbeitete im Ministerium in Bratislava. Er rief seine Mutter aber nur einmal im Monat an. Die Mutter empfand dieses Verhalten eigentlich als gefühlskalt.
Ich denke, dass solche menschlichen Erfahrungen auch dazu dienten, dass Jesus die Geschichte von den zwei Söhnen erzählte, die wir im Evangelium gehört haben. Um Jesus zu verstehen, müssen wir uns in die Situation hineindenken, in der diese Geschichte spielt. Jesus hatte vor sich die Pharisäer und Schriftgelehrten, die scheinbar alle Gebote getreulich erfüllten. Sie sagten „JA“ zu Gott, aber ihnen fehlten die aufrichtige und innige Liebe sowie die Barmherzigkeit. Jesus hatte vor sich aber auch Sünder und Zöllner. Diese sagten zuerst „NEIN Gott“, aber schließlich bekehrten sie sich und bereuten es, als sie Jesus kennenlernten.
Was kann uns dieses heutige Evangelium nützen? Welcher Sohn spricht uns im heutigen Evangelium an? Ich glaube, jeder von uns hat etwas von beiden Söhnen, denn manchmal sind wir faul und manchmal auch fleißig. In uns stecken Bequemlichkeit und das Bestreben, sich zu vervollkommnen. Wir sind der Sinnlichkeit und dem Materialismus ausgesetzt; wir sind Idealisten und überschreiten manchmal Grenzen. Es liegt an uns, was wir zum Schwerpunkt machen. Wenn uns an etwas liegt, müssen wir uns bewusst sein, dass wir unsere Bequemlichkeit überwinden müssen.
Wenn etwa eine junge Frau ein kleines Kind hat, steht sie sogar mitten in der Nacht auf, wenn es etwas braucht. Durch die Liebe werden positive Eigenschaften hervorgebracht. Auch Jesus hatte gewiss solche Momente, die er überwinden musste. Er wusste, dass das notwendig war. Auch wir haben die Fähigkeit, uns zu vervollkommnen – jeder von uns kann fleißiger und liebenswürdiger werden. Jeder hat die Möglichkeit, den Willen Gottes immer besser zu erfüllen. Es liegt an uns, diese Fähigkeit zu beleben. Wenn wir es nicht tun, könnten wir so werden wie die Pharisäer und Schriftgelehrten. Die Größe unseres Menschseins liegt darin, dass wir unsere Fehler erkennen und bereuen, anders als jedes Tier, das nur instinktiv handelt.
Im Alten Testament finden wir viele Personen, die mehrmals NEIN zu Gott sagten, aber später bereuten und vollbrachten, was Gott ihnen anvertraut hatte. In ihnen und in uns stecken also die Eigenschaften beider Söhne.
Zur Illustration noch eine kurze Geschichte: Ein Mann schreibt, dass er bereits als 14-Jähriger Dostojewski gelesen habe und große Sehnsucht nach dem Absoluten habe. Später trat er ins Seminar ein. Dort kam es zu Missverständnissen zwischen ihm und seinen Vorgesetzten. So hat er das Seminar wieder verlassen, seine Priesterlaufbahn beendet und sich sogar von der Kirche getrennt. Er protestierte und rebellierte gegen alles. Als er 20 Jahre alt war, führte er ein Gespräch mit einer kranken Frau, die ihn sehr berührte. Sie starb aber bald danach. Er sagte: „Ich war gesund und traurig; sie war krank und glücklich.“ Nach diesem Gespräch kam es zu einer Bekehrung und er legte später das Gelübde der Armut, der Reinheit und des Gehorsams ab. Er lebte ein geweihtes Leben und widmete sich sozialen Diensten. Da veränderte sich plötzlich sein Gesundheitszustand und er musste sich einer gründlichen ärztlichen Untersuchung unterziehen. Es war ihm jedoch nicht wichtig, wie das Ergebnis dieser Untersuchung ausfallen würde. Das Wichtigste für ihn war, dass er Jesus als Vorbild für sein Leben gewählt hatte. Die Untersuchung zeigte, dass er eine bösartige Geschwulst hatte. Von dieser Zeit an hat er begonnen, sich auf das nördliche Lebensende vorzubereiten. Vor seinem Tod schrieb er: „Ich habe eine riesige Freude in meinem Herzen.“ Auf die Frage an ihn: „Welcher Tag in deinem Leben war der schönste und welcher der schwerste?“ antwortete er: „Der schönste Tag für mich war, als man mir mitteilte, dass ich Krebs habe.“ Da freute ich mich, dass sich der Tag des Zusammentreffens mit Jesus nähert. Aber dieser Tag war für mich auch der schwerste, denn es schien mir, als sei ich für diesen Augenblick noch nicht vorbereitet.“ Einmal sprach dieser Mann vor einer Gruppe junger Menschen und sagte: „Ich kann nur eines sagen: Es lohnt sich, Jesus nachzufolgen.“
Im Leben dieses jungen Mannes gab es also zwei Phasen – die Phase der Rebellion und des Ungehorsams und die Phase des Gehorsams und der Befolgung des Willens Gottes. Es ist bedeutsam, dass unser Leben einmal mit dieser zweiten Phase zu Ende geht.
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