1. Fastensonntag B 2015 – Herrsche ich oder werde ich beherrscht?
Einleitung
Das heutige Evangelium erzählt uns, dass auch Jesus versucht wurde. Mit verschiedenen Versuchungen müssen auch wir immer wieder rechnen. Sind wir fähig, so schnell und entschieden eine Versuchung abzulehnen wie Jesus es tat? Denken wir darüber ein wenig nach!
Predigt
Jesus Christus wusste hervorragend, dass ein Mensch, der sehr bekannt und beliebt ist, sich umso mehr gegen seine Fans wehren muss. Sie gönnen ihm die Beliebtheit nicht und würden ihm am liebsten nach dem Leben trachten. Manch populärer Mensch beginnt deshalb, so zu leben, wie es seinen Bewunderern gefällt. Jesus kannte diese Gefahr gut.
Der Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 1929, der deutsche Schriftsteller Paul Thomas Mann, schrieb den Roman „Doktor Faustus“. Dabei wurde er von Goethes „Faust“ inspiriert. Er beschäftigte sich in seinem Roman mit der Lage Deutschlands in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und mit dem Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn. Dieser Musikus schließt mit dem Satan einen Vertrag, der ihn zu einem der genialsten Komponisten machen sollte, wenn er auf die Liebe verzichtet. Mit diesem Roman wollte der Schriftsteller zeigen, wie kalt und leer ein Leben wird, wenn jemand auf die Liebe verzichtet. Er verliert an Wärme, die nur die Liebe bringen kann. Leider gibt es diesen Hunger nach Anerkennung, Geld und Sexualität. Zur Sättigung dieses Hungers braucht es Arbeit, Eigentum und Menschen. Der Mensch wird aber dabei zum Werkzeug, um diese Sehnsüchte, diesen Hunger zu stillen.
Jesus zeigt aber einen anderen Weg: Er zeigt uns seine Zuneigung zu unserem Wohl. Wer in Gott verankert ist und mit anderen mit Achtung und Liebe umgeht, erhält Jesu besondere Zuneigung! Eine Gefahr besteht, wenn jemand sich für einen außergewöhnlichen Menschen hält. Diese Gefahr besteht auch bei geistlichen Menschen, selbst bei Bischöfen, Priestern und Ordensleuten. Der Mensch benimmt sich, als ob er Gott wäre. Diese Menschen sind nur auf den eigenen Ruhm aus. Jesus lehnt das entschieden ab. Er will die Menschen für die Liebe Gottes gewinnen. Er macht sie auf Gottes Wort und auf dessen Beschäftigung aufmerksam.
Ja, es gibt vielerlei Versuchungen. Das muss auch so sein. Der heilige Antonius fand dazu diese schönen Worte: „Die Versuchung ist wie ein Gewitter, das den Baum zwingt, tiefere Wurzeln zu fassen! Also ohne dieses Gewitter kann der Baum die Wurzeln nicht tief genug fassen. Er muss also erschüttert werden, damit er richtig verwurzelt ist. Auch der Mensch muss eine Versuchung erleben, um die Wahrheit des Lebens zu erfahren.“ Wir müssen wachsam sein, damit die Sehnsucht nach Macht, der Hunger nach Glück oder das Bewusstsein der eigenen Wichtigkeit nicht zu unserem Schicksal wird und unsere Entwicklung keinen Rückschritt erlebt.
Dazu möchte ich Ihnen eine Fabel, eine Tiergeschichte, erzählen: Es war einmal ein Löwe, der fliegen wollte, und so beneidete er den Adler um seine Flügel. Er sagte zu ihm: „Gib mir deine Flügel, und ich gebe dir dafür meine Mähne.“ Der Adler antwortete: „Nein, ich kann ohne Flügel dann nicht mehr fliegen!“ Da meinte der Löwe: „Ich fliege auch nicht und bin doch der König der Tiere. Ich wurde zum König, weil ich große Kraft habe!“ „Gut“, sagte der Adler, „zuerst gibst du mir deine Mähne!“ Der Löwe sagte darauf: “ Komm näher, damit ich sie dir übergeben kann!“ Der Adler kam näher und der Löwe griff nach seinen Flügeln und nahm sie ihm weg, aber seine Mähne gab er dem Adler nicht. Der verzweifelte Adler sagte: „Ich wette, du kannst nicht vom Felsen fliegen!“ Der Löwe stieg auf einen Felsen und sprang herunter. Aber sein Körper war dafür zu schwer und die Flügel konnten ihn nicht tragen. So stürzte er zur Erde. Der Adler spannte wieder die Flügel, nahm auch die Mähne des Löwen und hängte sie sich über die Schultern. Aber damit wurde er auch sehr eitel, denn er hatte sich nun vorgenommen, der Löwe, der König der Tiere, zu sein. Als er nun in sein Nest am Felsen zurückkehrte und mit der Löwenmähne auf den Schultern hineinflog, schreckte er das Adlerweibchen gewaltig. Dieses meinte, er sei der Löwe, und pickte ihn so hart am Kopf, dass er zu Boden fiel.
Diese Fabel trifft genau den Punkt, nämlich die Gefahr der Versuchung, berühmt zu sein. In Wirklichkeit ist dieser Versuch nicht besonders erfolgversprechend. Darüber sollten wir in dieser Fastenzeit nachdenken. Wo soll und kann ich mich beherrschen? Wir sollten zeigen, dass der Sieg des Guten und der Liebe immer aktuell ist. Herr, segne diese guten Absichten in dieser Fastenzeit!