2. Sonntag nach Weihnachten B Joh 1,1-18

Einleitung

Wer regelmäßig die Heilige Messe besucht, weiß, dass er das heutige Evangelium nun zum dritten Mal während dieser Weihnachtszeit hören wird. Wir haben es zu Weihnachten und zu Silvester gehört und werden es heute noch hören. Dieses Evangelium enthält eine essenzielle Wahrheit über Gottes Wort, die für unser Leben notwendig ist. Wir wünschen, über die Wahrheit nachzudenken. Wir wissen, dass jedes Wort, das wir Menschen aussprechen, seinen Ursprung in unseren Gedanken hat. Unser Wort entsteht also aus unserem Denken. Nun übertragen wir unsere Gedanken auf den himmlischen Vater. Gott Vater ist ewig; er ist vollkommen. Er  ist lebendig in Jesus Christus, im Sohn Gottes, also in der zweiten göttlichen Person. Jesus Christus bezeichnet der Evangelist Johannes als „das Wort“. Er hat vor, uns damit zu sagen, dass das menschliche Wort aus Gedanken entsteht, so wie das Wort Jesu aus dem Denken Gottes Vaters hervorgeht.

Predigt.

Der heilige Evangelist Johannes hat gesagt: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Das bedeutet: „Die zweite göttliche Person ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt.“  Wir könnten fragen: „Warum?“  Die Antwort haben  wir auch im heutigen Evangelium nach Johannes. Da hat es geheißen: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt , dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt , nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ Das bedeutet also, dass Gottes Sohn Mensch geworden ist, damit wir Söhne und Töchter Gottes  sind. Diese erstaunliche Wahrheit darf für uns nicht nur eine bloße Information bleiben.

Ich denke dabei an folgendes Beispiel: Jemand erzählt uns,  wie schön es im Urlaub auf Mallorca war. Diese Erzählung kann interessant sein. Aber der Erlebnisinhalt ist für uns irgendwie fern.  Dann stellen wir uns vor: Wir werden nach Mallorca reisen und dort unseren Urlaub verbringen. Das wäre für uns dann nicht bloß eine Information, sondern ein besonderes Erlebnis. Wenn ich nun das auf Gottes Wort übertrage, ist es auch unzureichend, wenn es nur eine Information darstellt. Die Information soll sich in ein Erlebnis verwandeln. Aber wie ist das möglich?

Die Antwort gibt uns der heilige Johannes Chrysostomos. Er rät uns: „Erfüllt eure Herzen mit Sehnsucht nach Gott.“ Sehnsucht ist die leichteste Leistung, die  unsere Seele vollbringen kann.  Sehnsucht nach Gott ist leichter als die Liebe zu Gott. Wir sollen bei unserer Arbeit, bei unseren Taten und auch in stillen Zeiten Sehnsucht nach Gott haben. In einem Psalm des Alten Testaments wird es so treffend ausgedrückt: „Wie ein Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele nach dir, mein Gott.“ Die Sehnsucht nach Gott kann  uns zu einer innigen  Beziehung zu Gott führen.

Der bekannte Schriftsteller Leo Tolstoj schreibt von einem Bauer, der sich mit mühseliger Arbeit einen großen Reichtum erarbeitete. Er wurde Großgrundbesitzer. Als er alt wurde, traf ihn ein Schicksal nach dem anderen. Sein älterer Sohn kam bei einer Rauferei ums Leben, der jüngere Sohn ergab sich dem Alkohol, die Schafe wurden von einer  Krankheit heimgesucht.   Eine Bande Stahl ihm die Pferde und Kühe. Als er 70 Jahre alt war, vertrieb ihn sein jüngerer Sohn vom Haus. Er musste mit seiner Ehefrau eine Bleibe bei fremden Leuten suchen. Ein Bauer nahm sie auf und sie mussten dafür im Stall arbeiten. Ein Verwandter fragte einmal jenen Bauern nach diesen Menschen, die nun bei ihm wohnen. Da antwortete dieser: „Ja, das waren einmal die reichsten Menschen hier in dieser Gegend und jetzt leben sie bei mir als meine Bediensteten.“ Dieses Schicksal interessierte die Verwandten, und er machte sich darüber Gedanken, wie sie nur in dieses Schicksal geraten konnten, und fragte daher den einst reichen Bauern: „Wie konnte das nur passieren?“ Dieser meinte: „Von unserem Glück und Unglück kann Ihnen am besten meine Frau erzählen!“ Und sie begann zu erzählen: „Fünfzig Jahre lang habe ich mit meinem Mann das Glück gesucht, aber wir haben das wahre Glück nicht gefunden. Wir haben in mühseliger Arbeit ein großes Vermögen angehäuft, doch dann hatten wir riesige Sorgen mit den Dienern, unseren Schafen, Pferden und Kühen sowie mit Räubern. Wir hatten auch nie Zeit, uns der Ruhe zu widmen und ein wenig zu plaudern. Wir waren stets nervös, stritten miteinander und hatten Konflikte.  Das Schlechteste war, dass wir nie Zeit für das Gebet hatten. Für uns gab es keinen Gott. Jetzt machen wir unsere Arbeit im Stall, und wir haben Zeit füreinander, und anstatt materieller Sorgen ist unser Herz mit Sehnsucht nach Gott erfüllt. Jetzt erleben wir immense Freude, wenn wir gemeinsam beten und in die Kirche gehen. Jetzt erst verstehen wir, dass Gott Mensch geworden ist und unter uns wohnt. Das macht uns glücklich. „

Ja, das ist das Wesentliche und es gilt in besonderer Weise auch für uns. Gott ist Mensch geworden, damit er uns glücklich machen kann. Dieser Gedanke ist für uns Menschen immer aktuell.