Das Vertrauen

Romano Guardini weist auf eine tiefe Wahrheit hin: „Unsere Erwartung sucht gerne das Interessante und das Unerhörte. Solange wir an diesem Wunsch festhalten, nimmt das wirklich Bedeutende den Charakter des Alltäglichen an und entzieht sich so dem Blick. Der wahrhaft denkende Mensch muss lernen, den Schein des Gewöhnlichen zu durchdringen und in die Tiefen einzudringen, aus denen er gefallen ist.“

In Every Man in His Night erzählt der Schriftsteller Julien Green von Wilfried Ingrams Besuch bei Mr. Knight, der einige Zeit zuvor einen Schlaganfall erlitten hatte. Sein Blick und seine Gesichtszüge, die zuvor unangenehm und bigott erschienen, schienen sich verändert zu haben. Der Besucher sah in ihnen etwas Gutmütiges und Geduldiges. Seine Augen zeigten große Traurigkeit und Verwunderung. Der Patient selbst sagte, er habe sich recht schnell erholt, aber er sehe die Dinge jetzt ganz anders: „Zum Beispiel das Licht – wie schön es ist. Vorher dachte ich, es sei etwas Gewöhnliches. Also beobachte ich so viel wie möglich, zum Beispiel im Garten, wo ich jedes Blatt beachte. Eigentlich hat sich nichts geändert, aber man fragt sich, warum man diesem oder jenem noch so unbedeutende Bedeutung beimisst.“

Es gibt keine Krankheit, die nicht zu einer Veränderung der Lebensperspektive des Betroffenen führt. Der Kranke wird sozusagen aus seinen früheren Gewohnheiten herausgerissen, fühlt sich abhängig und unfrei, muss sich von vielen Dingen abgrenzen und kann manchmal sogar mit Gefühlen der Minderwertigkeit oder Überflüssigkeit geboren werden.

Das ist die Art von Vision, die der Herr Jesus uns lehren will. Als seine Jünger rät er uns, uns nicht in mannigfaltigen Sorgen und Mühen zu ertränken. „Seht euch die Lilien an“ (Lk 12,27). Jesus lädt uns ein, durch den Blick nach innen zu der Gewissheit vorzudringen, dass man auf Gott vertrauen kann. Das Erwachen des Vertrauens setzt ein Leben der Hingabe voraus. Dies geschieht nicht durch rationale Denkakte, sondern durch das Schauen, durch das Öffnen der Augen und der Seele für eine innere Vision.

Wir müssen wirklich wieder lernen zu sehen. Es ist eine Aufgabe, mit der wir im Leben nie fertig werden. Der Grund liegt auf der Hand: Wir sind immer in der Gefahr, aus der Vielzahl der Dinge, die wir sehen, einen bestimmten Bereich herauszugreifen und den Rest beiseite zu schieben. Auf diese Weise werden wir eine Welt aufbauen, die so klein und eng ist wie unsere Wege. Oft ähneln wir einem Tier auf einer trockenen Weide, das hartnäckig darauf verharrt, während ringsherum grüne Wiesen sind.

 

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