Heiligstes Herz Jesu, Lk 15,3-7

Herz Jesu, Du Freude aller Heiligen, sei mit euch.

Vielleicht stimmen Sie mir zu, wenn ich sage, dass das heutige Fest des Heiligsten Herzens Jesu für viele Christen unserer Zeit einen süßen Geschmack hat. Ich denke an die kitschige Statue, die man an vielen Wallfahrtsorten kaufen kann. Es gibt auch knallbunte Bilder, die Jesus als naive Comicfigur darstellen. Und so haben manche Gläubige vielleicht keinen Zugang zu diesem Festmahl. Feiern wir nicht auch heute wieder einen Feiertag, der nicht mehr relevant ist, der schon überlebt  ist?

Jesus, am Kreuz wurde dein Herz mit der Lanze geöffnet. Herr, erbarme dich unser.

Blut und Wasser aus deiner Seitenwunde waren Zeichen der Gnade und Liebe. Christus, erbarme dich unser.

Dein Herz ist offen für all unsere Not. Herr, erbarme dich unser.

Im heutigen Evangelium sagt Jesus, dass die Freude im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, größer sein wird als über neunundneunzig Gerechte, die keiner Buße bedürfen.

Wir wissen, dass Jesus diese Worte im Zusammenhang mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf spricht. Er nimmt das Thema aus dem täglichen Leben. Palästina ist ein Land mit vielen Schaf- und Ziegenherden. Jeder, der in diesem Land gelebt hat oder lebt, kennt die Berufung des Hirten und sein Leben. Was Jesus an den Hirten auffiel, war ihre Sorge um die Herde und die damit einhergehende Liebe zu den Tieren. Schon im Alten Testament haben Propheten, Dichter und Weise den Gott Israels in der Gestalt eines Hirten dargestellt. Der Hirte handelt, wie Jesus sagt. Er müht sich, er sorgt sich um jedes verlorene Schaf. Der Hirte geht sogar ein Risiko ein, denn er lässt die 99 Schafe unbeaufsichtigt und geht auf die Suche nach dem einen. Kein einziges Schaf ist ihm gleichgültig, er will keins verlieren. Nur weil er 99 Schafe besitzt, macht das den Verlust eines Schafes nicht wett.

Vielleicht haben Sie in einem Film oder im Leben das Verhalten eines Schafes gesehen, das sich verirrt hat. Wenn es sich verirrt, läuft es zunächst ziellos umher und sucht nach der Herde, dann legt es sich ängstlich auf den Boden und wartet ab. Der Hirte muss auf sie zugehen und sie auf seine Schultern nehmen. Auch das Verhalten des Hirten ist bemerkenswert. Er behandelt sie sanft, wie er es auch mit den anderen tut. Es liegt jedoch auf der Hand, dass die Suche in dem felsigen Gelände unangenehm und anstrengend ist. Der Hirte vergisst alles, denn er hat das verlorene Schaf gefunden. Seine Freude ist groß. Er zieht sich nicht in sich selbst zurück, sondern geht zu seinen Freunden und Nachbarn. Nein, er muss noch darüber reden, dass er das verlorene Schaf gefunden hat.

So wie sich der Hirte über ein verlorenes und wiedergefundenes Schaf freut, so freut sich Gott über jeden Menschen, der ein Sünder war und sich bekehrt hat. So kann Gott sein, kein Sünder ist ihm gleichgültig. Er tröstet sich nicht mit den vielen Gerechten, er sucht den Sünder, auch er gehört zu ihm, er gibt ihn nicht auf. Auch wenn der Sünder sich auf andere Irrwege begeben hat, ist er eine Sorge und ein Schmerz für ihn.

Und wenn sich der Sünder bekehrt hat, erwartet er keine Vorwürfe, kein Misstrauen und keine harten Maßnahmen. Gott rettet, vergibt, bringt nach Hause. Er tut es mit Freude und mit Liebe, wie es der Evangelist Johannes so schön ausgedrückt hat: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Im Himmel wird die Freude über den einen Sünder, der umkehrt, noch größer sein. Diese Freude wird man mit Gott erleben. Gott freut sich über Vergebung, nicht über Verurteilung. Und so ist die Geschichte bis zum Jüngsten Gericht von der Barmherzigkeit Gottes durchdrungen.

Was will uns Jesus sagen, wenn er sagt, dass die Freude im Himmel über einen einzigen Sünder, der umkehrt, größer ist als über 99 Gerechte? Gott ist zutiefst berührt von dem Elend, in das die Sünde den Menschen stürzt. Und deshalb wünscht er sich, dass der Mensch zu ihm zurückkehrt, er wünscht sich seine Bekehrung. Sicherlich hat Jesus, der einer von uns wurde, dies verstanden. Er arbeitete mit menschlichen Händen, überlegte mit menschlichem Verstand, entschied mit menschlichem Willen und liebte mit menschlichem Herzen. Es ist dieses menschliche Herz, das wir heute feiern. Wenden wir uns mit Vertrauen an ihn. Lasst uns nicht auf unsere Sünden, Schwächen und unser Elend schauen. Öffnen wir uns für die barmherzige Liebe seines Herzens. Lasst uns an die denken, die auf Abwege geraten sind, die vom rechten Weg des Lebens abgekommen sind. Segnen wir sie mit Licht und Heilung und werden wir auch zu Trägern der Barmherzigkeit Jesu, der Heilung für diejenigen, die sie am meisten brauchen.

Pierre Lefevre beschreibt in seinem Buch „Große Wahrheiten in kleinen Geschichten“ eine Geschichte, die sich während des Spanischen Bürgerkriegs ereignete. Die Situation war sehr kritisch. Entweihte Kirchen, brennende Dörfer, verstümmelte Leichen kennzeichneten den Weg, den die rote Armee zurücklegte. Die Nationalisten kämpften mit einer noch nie dagewesenen Grausamkeit. Als eine Abteilung der Nationalisten einmal ein Dorf nach einer heftigen Schlacht von Feinden säuberte, fanden sie einen schwer verwundeten Angehörigen der Roten an der Mauer, dessen Brust von einem Granatsplitter aufgerissen worden war.

Der verwundete Mann starrte mit glasigen Augen auf die herannahende Patrouille. Dann hob er mit einer schwachen Bewegung den Arm und schrie auf: „Priester! Nennt mich einen Priester!“ „Fahr zur Hölle, du rote Schlampe!“ Einer der Nationalisten verflucht. Doch sein Kamerad hatte Erbarmen mit ihm. „Ich werde sehen, ob ich nicht einen Priester finden kann.“ Und tatsächlich kam er bald mit einem Priester zurück. Letzterer verbeugte sich mitfühlend vor dem schwer verletzten jungen Mann. „Möchten Sie beichten?“ Er fragte ihn. „Ja, ich will beichten!“ Der Soldat atmete schwer aus. „Aber Sie sind doch der Ortspfarrer?“ „Ja, das bin ich.“ „Mein Gott!“ Der Junge stöhnte. Es dauerte lange, bis sich der Priester von dem Sterbenden entfernte. Sein Haar war schweißnass und sein Gesicht blass wie eine Wand, als er zu der wartenden Patrouille von Nationalgardisten zurückkehrte. „Brüder“, sagte er mühsam. „Bringen Sie den Verwundeten in das nächste Haus, damit er nicht auf der Straße stirbt“. Als die Soldaten sich dem Jungen näherten, richtete er sich ein wenig auf und gab ihnen ein Zeichen, näher zu kommen.

„Verzeiht mir! Er hat mir die Absolution erteilt!“ Er schrie und keuchte. „Warum sollte er dir nicht verzeihen? Schließlich ist es sein Werk!“ sagte einer der Staatsangehörigen. „Du weißt nicht, was ich getan habe!“ stöhnte der sterbende Mann. „Ich selbst habe zweiunddreißig Priester getötet, erstochen, erschossen, erschlagen, erwürgt. In jedem Dorf ging ich zuerst ins Pfarrhaus. Ich habe es auch hier getan. Den Priester habe ich nicht gefunden, aber seinen Vater und seine beiden Brüder. Ich fragte sie, wo der Pfarrer sei. Sie zögerten, ihn zu verraten. Also habe ich alle drei fotografiert! Verstehen Sie jetzt? Der Priester, der mich verhörte, sagte, ich hätte seinen Vater und seine Brüder getötet… Und er hat mir vergeben.“

Diese Geschichte will uns zeigen, zu welchen Absurditäten, zu welchen Extremen die Barmherzigkeit Gottes führt. Und wenn wir uns der Barmherzigkeit Gottes uns gegenüber richtig bewusst werden, dann werden wir auch unseren Brüdern und Schwestern gegenüber barmherzig sein, so wie es der Priester in unserer Geschichte tat. Wenn ich in meiner Einleitung die bunten Bilder und kitschigen Statuen des Herz-Jesu-Klosters erwähnt habe, so mögen sie für uns mehr sein als eine göttliche Idylle. Vor allem geht es darum, die Größe der Barmherzigkeit Gottes, die uns umgibt, zu genießen und sie dann an unsere Brüder und Schwestern weiterzugeben.

Da Gott sich aller annimmt, die guten Willen haben, dürfen wir wagen zum Vater zu beten.

Da Christus unser Bruder geworden ist, dürfen wir ihn in kindlicher Gesinnung um seinen Frieden bitten.

Selig, die klein sind in den Augen der Welt und zu den Großen zahlen im Reich des Vaters.

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